Rede zur Eröffnung des Studienjahres 07/08
Prof. Thomas Schadt
Direktor der Filmakademie Baden-Württemberg
Gehalten am 01.10.2007
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Liebe Mitarbeiter und Dozenten,
Liebe Filmstudenten und Gäste,
lieber Jürgen Böttcher,
bevor ich Ihnen die Bühne hier überlasse, und darauf freue ich mich schon ganz besonders, möchte ich einige Anmerkungen zum kommenden Studienjahr machen.
Wenn wir heute in das Studienjahr starten, blicken wir nicht nur zurück auf ein sehr erfolgreiches und kreatives altes Studienjahr, sondern vor allem voraus auf neue Ziele und Horizonte unserer Filmakademie, die uns im höchsten Maße motivieren, ja geradezu beflügeln sollten, alle kommenden Aufgaben meisterlich und von leichter Hand zu bewältigen.
Da ist als erstes die HD-Offensive zu erwähnen. Jene umfangreichen Fördermittel aus der Zukunftsoffensive der Landesstiftung Baden-Württemberg, die es uns ermöglichen, nach zweijähriger Vorbereitung ein komplexes, eigenständiges Kurssystem anzubieten, dass Euch, den Filmstudenten, praxisnahe Einblicke in HD-Technologie gewährt. Die Entwicklungen auf diesem Gebiet – manch einer spricht hier vielleicht nicht ganz zu Unrecht von einer Revolution – verändern die Medien Kino und Fernsehen ja nicht nur in technischer Hinsicht. Nein, damit einher gehen neue Erzählformen, neue Erzählmöglichkeiten und Dramaturgien, veränderte Produktionsabläufe, generieren sich womöglich neue Genres mit neuen Inhalten und neuen, dazu passenden Übermittlungswegen. HD-Technik ist für mich momentan immer noch eine riesige, unüberschaubare, etwas orientierungslos wirkende Spielform für ungezählte mögliche und unmögliche, aber in jedem Fall notwendige Experimente, um die darin befindlichen Chancen umfassend sinn- und gehaltvoll nutzen zu können. Und es ist der Politik in diesem Lande im Besonderen dafür zu danken, dass sie es uns gestattet, an diesem spannenden Prozess und Diskurs so frühzeitig teilzuhaben. Vieles gilt es hier noch zu untersuchen, zu entdecken, zu erobern. Und da ihr, liebe Filmstudenten, genau in diesen Disziplinen zu glänzen wisst, bin ich mir sicher, dass ihr die neue Technologie schnell mit euren eigenen Ideen und Utopien zu besetzen wisst.
Starten werden wir dieses Jahr ebenfalls mit zwei neuen Studiengängen:
Zum einen der Studiengang „Interaktiven Medien“, der sich unter der Leitung von Inga von Staden und Michael Rueger die Aufgabe stellt, neue, interaktive Plattformen, Handy, Internet und andere mediale Übertragungsformen jenseits von Kino und Fernsehen mit anspruchsvollen inhaltlichen Angeboten zu füllen. Eine komplexe und wahrlich nicht einfache Fragestellung, die im Medienmarkt viele umtreibt, und dabei, so scheint es zurzeit, mehr Fragen als Antworten hervorbringt. Gerade deshalb gehört diese Fragestellung zum un-bedingten Bestandteil des Ausbildungsangebotes einer Filmakademie. Auch hier finde ich es zwingend notwendig, dass wir uns frühzeitig neuen medialen Entwicklungen stellen, damit ihr diese jetzt, von Beginn an, mit euren kreativen Möglichkeiten aktiv mitgestalten könnt und ihnen später nicht reagierend hinterher laufen müsst. Damit einher geht zudem eine hoch spannende öffentliche Diskussion darüber, wie die damit verbundenen möglichen neuen Märkte unsere Gesellschaft verändern werden. Eine durchaus spekulative Diskussion, an der wir uns als Filmakademie jedoch unbedingt kritisch und konstruktiv beteiligen sollten. So sieht dies auch Wolf Bauer, Chef der UFA: Macht daraus ein zukunftsweisendes und experimentierfreudiges Labor, so hat er uns ermutigt, und dieses Motto dankenswerter Weise gleich mit einer wertvollen Finanzspritze unterfüttert.
Diesem Studiengang zugeordnet wird unter dem Label „Medien Design“ das, was bisher „Film + TV Design“ war. Und ich bin Manfred Becker und Heike Sperling dankbar, dass sie bereit sind, in Anbindung an die Interaktiven Medien ihre bisher so erfolgreiche und wichtige Lehrtätigkeit an der Filmakademie weiter fortzusetzen.
Starten wird zum zweiten der Studiengang „Bildung und Wissenschaft“: Bildung und Wissenschaft, zwei Begriffe, denen in den redaktionellen Strukturen der Sender zu Recht große Bedeutung beigemessen wird, zwei Bestandteile unseres Leben möchte ich dazufügen, die es verdienen, mit höchstem Anspruch und größter Sorgfalt gefördert zu werden – auch oder gerade im Fernsehen. Mit Peter Arens, Hauptredaktionsleiter für Kultur und Wissenschaft im ZDF, konnten wir eine Persönlichkeit gewinnen, die, da bin ich mir sicher, nichts anderes als genau dies im Sinn hat. Zusammen mit Günther Myrell und Mario Damolin wird er versuchen, euch Filmstudenten nahe zu bringen, beizubringen, wie in diesen Bereichen heute journalistisch und filmisch gearbeitet werden muss, um mit den international so erfolgreichen wie qualitativ anspruchsvollen Formaten und Konzepten wie beispielsweise einer BBC in England mithalten zu können.
Ich wünsche den Dozenten und Studenten der neuen Studiengänge einen erfolgreichen Start und nutze diesen Einschub, um mit Thomas Riedelsheimer und Christian Rhode zwei weitere neue Dozenten der Filmakademie zu begrüßen, die in den Studiengängen Dokumentarfilm und Produktion für frischen Wind Sorgen werden. Auch euch Beiden – wie allen anderen Dozenten natürlich – viel Glück.
Doch damit nicht genug. Neben HD-Technologie, Interaktive Medien, Bildung und Wissenschaft formiert sich ein weiterer, viel versprechender Ausbildungsrahmen sich am Horizont des Akademiecampus: die Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg, kurz „Theaterakademie“. Nach zwei Jahren Vorbereitung, ja Ringen um diese Akademie ist es nun soweit. In Trägerschaft zwischen der Kunstakademie Stuttgart, der Filmakademie, der Stadt Ludwigsburg und des Landes sowie einer Kooperation mit der Schauspielabteilung der Musikhochschule Stuttgart wird die Theaterakademie nächsten Montag nun endlich gegründet werden. Ihren Sitz wird diese Akademie in Ludwigsburg haben, und entstehen werden die dazugehörige Experimentierbühne sowie Probebühne, Werkstätten und Seminarräume genau hier vor den Türen dieses Studios. Nichts ist sinnbildlicher als dieser Umstand für das, was diese Akademie überregional auszeichnen soll: Die Ausbildung von Schauspielern hin zu einer Doppelqualifikation, vor einer Filmkamera und auf einer Theaterbühne gleichermaßen professionell arbeiten zu können. Dieser Anspruch und der Umstand, dass hier auf unserem Campus eine Theaterbühne und ein Filmstudio in unmittelbarer Nachbarschaft existieren werden, verschafft der Theaterakademie ein europaweites Alleinstellungsmerkmal und der Filmakademie die Möglichkeit, sich in interdisziplinären Projekten im Grenzbereich zwischen Film und Theater vielfach einzubringen. Was für ein inhaltlicher, ja ideeller Gewinn für uns, für euch Filmstudenten, in naher Zukunft von den Erzählformen und Dramaturgien, von den großen Stoffen des Theaters profitieren zu können. Was für eine wunderbare Herausforderung für die Studenten der Filmakademie, in Projekten zusammen mit Bühnenregie-, Bühnenbild- und Dramaturgiestudenten der Theaterakademie zusammenzuarbeiten. Ich freue mich ganz besonders auf diese interkulturelle Begegnung, die hoffentlich dazu beitragen wird, nicht nur einen neuen Typus von Schauspieler auszubilden, sondern die auch helfen wird, alte, längst überholte und dennoch vieler Orts gepflegte Gräben zwischen Theater (gleich „E-Kultur“) und Film (gleich „U-Kultur“) zu überwinden.
Mit Wolfgang Bergmann, dem Leiter des ZDF Theaterkanals, konnte eine Persönlichkeit als Akademiedirektor gewonnen werden, die geradezu prädestiniert dafür ist, solch kleingeistigem Gedankengut den Garaus zu machen. Seine kulturelle, inhaltliche Offenheit in Verbindung mit all den Vernetzungen, die er hin zum Bereich Film, hin zum Bereich Theater hat, und die Wolfgang Bergmann in die Theaterakademie einbringen wird, lassen mich nahezu lausbübisch frech darüber nachdenken, was in dieser nachbarschaftlichen Kooperation zukünftig alles möglich sein könnte.
Der Studienbetrieb der Theaterakademie wird im Herbst 2008 starten, dann soll auch der Bau der Experimentierbühne fertig gestellt sein. Bevor wir uns jedoch an all dem, was da kommt, erfreuen können, müssen wir allerdings alle noch etwas die Zähne zusammenbeißen. Ein Jahr nämlich, genau das kommende und – so ist es eben im Baugewerbe, wahr-scheinlich noch das ein oder andere Monat dazu – wird neben und vor unserem Lubitsch- und Metropolis-Gebäude eine staubige und lärmende Großbaustelle entstehen. Theaterakademie, Tiefgarage und Gestaltung des zukünftigen Akademieplatzes werden ihre Zeit und unsere Nerven in Anspruch nehmen. Ich bitte alle um Verständnis und Geduld dafür, dass erst diese, sicherlich nervige, Baustelle späteres gemeinsames Ausbildungsglück ermöglichen wird.
Es versteht sich bei so viel wohl klingender Zukunftsmusik inklusive Baulärm von selbst, dass ich mir um die Zukunft der Filmakademie keine unnötigen Sorgen machen muss. Meine Sorge oder besser Fürsorge gilt allein euch, den Filmstudenten. Denn ihr müsst all die neuen und „alten“ Möglichkeiten, die auf euch zukommen, nutzen und mit Leben erfüllen. Die Spannbreite des Unterrichtsangebotes hier auf dem Campus ist schier unerschöpflich, und ihr seid hiermit gefordert, aufgefordert, sie euch zu eigen zu machen.
Und damit ich nicht missverstanden werde: Ich bin der festen Über-zeugung, dass man mit einer alten 16mm Bolex-Kamera mit Federauf-zug genauso tolle Filme drehen kann wie mit den neuen HD-Kameras, deren Bezeichnungen eher an Kampfjets und Weltraumraketen erinnern, und deren Bedienung ungefähr ähnlich kompliziert zu sein scheint. Deswegen wird Michael Ballhaus in einem mehrwöchigen Workshop im Januar zum Thema HD-Kinolook mit HD-Kameras die neue Sony F 23 HD CAM SR vorstellen.
Klingt schon wichtig, oder? Doch Technik allein, das will ich euch allen hier nochmals von Herzen nahe legen, ist kein Gütesiegel für inhaltliche Qualität. Da braucht es schon mehr: Gute Geschichten, originelle Ideen, Poesie und Fantasie, Gefühle und Geheimnisse zum Beispiel. Und so verstehe ich all diese alten und neuen Techniken hier an unserer Filmakademie als Aufforderung an euch herauszufinden, was davon am besten zu euch passt, damit ihr vorher Genanntes filmisch umsetzen könnt. Nutzt die Technik, macht euch jedoch nicht abhängig von ihr, nutzt diese einmalige Chance des Lernens. Dieses Studium ist, ganz platt formuliert, nicht nur in dieser Hinsicht ein einziger Luxus, und die einzige Schwierigkeit – neben den anderen kleinen Schwierigkeiten, die man halt beim Filmemachen üblicherweise so hat – könnte höchstens darin bestehen, aus diesem Füllhorn von Angeboten, das für Euch jeweils Passende heraus zu filtern.
Also seid aktiv, wartet nicht zu sehr darauf, dass euch einer an die Hand nimmt, gestaltet euer Studium selbständig, organisiert euch und euren Zeitplan gut, ein realistisches „Selbstverwaltungsmanagement“ ist eine oft unterschätzte Disziplin hier an dieser Schule und führt nicht selten dazu, dass euch die ein oder andere Praline an Unterricht oder eigener möglicher kreativer Betätigung verloren geht, oder sogar die Exmatrikulation droht, weil Klausuren oder andere geliebte theoretische Prüfungen verschusselt oder gar vergessen werden.
Also: Selbstdisziplin ist keine schlechte Eigenschaft, darüber hinaus zeigt Mut und Entschlossenheit, macht in der Ausführung eurer Filmideen nicht allzu große Kompromisse, am besten gar keine, denn wenn Film eines nicht verträgt, dann sind es Kompromisse. Und: habt keine Angst vor der Zukunft nach eurer Ausbildung hier.
Mit Genugtuung beobachten wir zurzeit, dass sich der zuletzt etwas Krisen geschüttelte Film- und Medienmarkt gut erholt, und die Prognosen für die Zukunft stimmen durchaus optimistisch. In keinem anderen europäischem Land werden so viele Filme produziert wie hierzulande und vor allem das Fernsehen bietet dem Nachwuchs gleich eine ganze Reihe von Nischen und Debütmöglichkeiten, sich im besten Sinne eigenwillig zu präsentieren. Das sollte euch, die neuen und alten oder besser älteren Filmstudenten höchst motiviert in dieses Studienjahr durchstarten lassen. Erst vorgestern ist der Film „Rose“ beim Deutschen Fernsehpreis als bester Fernsehfilm des Jahres ausgezeichnet worden. Fünf Absolventen dieser Filmakademie, praktisch ein komplettes Filmteam, das sich hier schon zu Akademiezeiten gefunden hatte, war daran beteiligt: Produzent, Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann und Komponist. Dieser aktuelle Erfolg sollte allen hier Mut machen.
So, genug gepredigt. Jetzt, lieber Jürgen Böttcher alias Strawalde, sind Sie an der Reihe uns etwas vom Verhältnis von Film und Malerei zu berichten. Sie selbst sind ja Beides, Maler und Filmemacher, und das seit vielen Jahren mit größtem Erfolg. Als ich Filmstudent an der DFFB in Berlin war, habe ich 1981 zum ersten Mal einige ihrer DEFA-Doku-mentar- oder besser Kulturfilme sehen dürfen. „Wäscherinnen“ aus dem Jahr 1972 prägte sich mir besonders stark ein. So nah und unverkrampft an den Menschen, unverstellt, kritisch und mit dem nötigen Humor so wunderbar genau das damalige Leben in der DDR beobachtend. Wir fanden ihre Filme damals toll, und für das, was wir, ungebildet wie wir waren, uns damals unter „da drüben“ so vorstellten, so ungemein wichtig und bereichernd. Mir persönlich haben Ihre Filme sehr geholfen, über das Leben im Osten fortan anders nachzudenken als ich es bis dahin tat.
Schon letztes Jahr waren Sie Gast in der Dokumentarfilmabteilung und haben die Studenten mit ihrer Arbeit und ihren Geschichten begeistert, und so freue ich mich jetzt ganz besonders, Ihnen hier und heute lauschen zu dürfen.