zur Eröffnung des Studienjahres 2009/10
an der Filmakademie Baden-Württemberg
am 05.10.2009
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Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Studentinnen und Studenten,
ich kann es mir einfach nicht verkneifen, Ihnen zu erzählen, was mich mit Ihrem Medium verbindet. Sie müssen wissen, dass meine cineastische Sozialisation mit Marcel Carnés „Hafen im Nebel“ und dem italienischen Realismus begann. Und auch der deutsche Autorenfilm der sechziger und siebziger Jahre lastete schwer auf meiner jugendlichen Seele. Jedenfalls meinen manche, die mich ganz gut kennen, dass mich dieses düstere Zeug fürs Leben gezeichnet hat.
Nun können Sie sich aber vielleicht auch vorstellen, wie hart die achtziger Jahre für mich waren. Als ich damals in München studierte, liefen im Kino Filme wie „Rambo 2 – Der Auftrag“, „Top Gun“, „Indiana Jones“, „Zurück in die Zukunft“ und „Aliens – Die Rückkehr“. Wenn man damals mit seiner intellektuellen Kommilitonin das Leopold-Kino verließ, um noch was trinken zu gehen, musste man sich immer noch schnell ein Thema überlegen – denn Sylvester Stallone, Michael J. Fox und Tom Cruise gaben ja nicht viel her für den gepflegten studentischen Diskurs.
Während ich also fleißig Kommunikationswissenschaft studierte, feierten George Lucas und Steven Spielberg in Hollywood einen Erfolg nach dem anderen. Ich erlebte die Geburt des Blockbuster-Kinos mit, das kritische Projekte wie die Nouvelle Vague, den Neuen Deutschen Film oder New Hollywood in den Schatten stellte. Der Autorenfilm, so schien es, war erst einmal am Ende, und man musste sich schon in Cineasten-Kreisen aufhalten, um noch etwas von der filmischen Kraft vergangener Jahrzehnte zu spüren. Jemand hat mal geschrieben, dass Godard Filme für Leute gedreht habe, die gern „gleichsam“ und „in diesem Kontext“ sagen, und ich muss gestehen, dass ich meine Vorliebe für solche Wendungen erst später entdeckte – als ich anfing, die ZEIT zu lesen.
Meine Liebe zum Neorealismus hat jedoch alle Umbrüche in der Filmwelt überdauert, und das hat vielleicht auch damit zu tun, dass meine Wurzeln mindestens zur Hälfte in Italien liegen. Meine Freude ist jedenfalls immer groß, wenn ein öffentlich-rechtlicher Sender nachts um halb vier mal wieder einen Film von Luchino Visconti wiederholt. Mein Lieblingsfilm allerdings, nur damit ich das hier auch gleich gesagt habe, ist „Armarcord“ von Federico Fellini, ein paar von Ihnen kennen den bestimmt. Armarcord heißt im Dialekt der Emiglia-Romana „Ich erinnere mich,“ und Fellini stellt in dem Film seine Heimatstadt Rimini in den dreißiger Jahren dar. Mich erinnert der Film an meine Kindheit, denn meine italienische Familie stammt ebenfalls aus Rimini, und mein Vater ging auf dieselbe Schule wie Fellini.
Ich erzähle Ihnen das, weil der Film, den ich Ihnen heute mitgebracht habe, ebenfalls aus Italien stammt. Mit dem Neorealismus, der sich ja als Antwort auf den Faschismus verstand und marxistisch motiviert war, hat er allerdings nicht das Geringste zu tun. Und zwar vor allem deshalb nicht, weil der Neorealismus die ungeschminkte Wahrheit zeigen wollte, ich Ihnen heute Abend aber die geschminkte Unwahrheit zeigen will – nämlich einen Ausschnitt aus einer Fernsehsendung mit Silvio Berlusconi.
Es ist ein Ausschnitt aus der Sendung „Porta a Porta,“ die bei Rai Uno, dem regierungstreuen ersten Programm der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt Italiens läuft. Berlusconi tritt dort regelmäßig auf, und am 6. Mai dieses Jahres war ihm das besonders wichtig. Denn seine Frau Veronica Lario hatte gerade die Scheidung eingereicht, und sie verkündete das über sorgfältig ausgewählte Medien, die nicht ihrem Ehemann gehören. Als Gründe für die Trennung nannte sie private Gründe, die politisch sind: Ihr Mann hatte hübsche und politisch unbedarfte Fernseh-Starlets auserwählt, für seine Partei „Volk der Freiheit“ als Kandidatinnen zur Europawahl anzutreten. Und er hatte eine engere Verbindung zu einer Minderjährigen; als sie 18 wurde, tauchte er auf ihrer Gebusrtagsfeier auf.
Die Ausgabe von „Porta a Porta,“ die ich Ihnen vorführen möchte, stand deshalb unter dem Titel „Adesso parlo io“ – „Jetzt rede ich.“ Viele von Ihnen werden wahrscheinlich kein Wort verstehen, aber es gibt auch gar nichts zu verstehen: Der Ministerpräsident, den Sie gleich sehen werden, hat seine Frau belogen, er hat seine engsten Verbündeten belogen, und er hat die Öffentlichkeit belogen. Und das hier sollte in der wichtigsten Informationssendung Italiens der Versuch sein, der Wahrheit näher zu kommen:
(Filmausschnitt)
Meine Damen und Herren, das Bild lügt, der Ton lügt, und der Moderator macht nicht seinen Job. In diesem Video ist alles kondensiert, wogegen wir ankämpfen müssen – mit Spielfilmen, Dokumentationen und Qualitätsjournalismus. Denn die Wirklichkeit in Italien ist noch viel schlimmer, als Berlusconis geschiedene Ehefrau sie geschildert hat, aber über all das erfahren wir in dieser Sendung nichts. Die unterwürfige Kamerafahrt zu Beginn, die an „Stars Wars“ erinnernde Musik, der im Halbdunkel auf dem Sessel thronende Berlusconi, all das erinnert mich eher an eine groteske Krönungszeremonie als an ein journalistisches Format. Und vielleicht haben Sie sich auch gewundert, wie lange Berlusconi am Stück reden darf, ohne auch nur einmal unterbrochen zu werden. Das einzige, was dem Zuschauer hier bleibt, um das Gesehene dechiffrieren zu können, ist seine Lebenserfahrung. Und die sagt ihm eben: jemand, der sich so verhält, der eine solche Mimik und Gestik zeigt, der sagt meistens nicht die Wahrheit.
Italien steht an der Schwelle zur Apokalypse, und das hat sehr viel mit dem Mediensystem zu tun. Realität und Fiktion, Politik und Spektakel sind nicht mehr zu trennen, der Medienmogul Berlusconi ist zum Teil einer Telenovela geworden, deren Drehbuch er selbst schreibt. Was aber bedeutet es, wenn wir das eine nicht mehr vom anderen unterscheiden können? Wenn wir Original und Fälschung nicht mehr auseinanderhalten können?
Mein Kollege Christoph Drösser ist mal dem Phänomen nachgegangen, dass einige Zuschauer die „Lindenstraße“ für eine Art Dokumentarfilm halten. Bei Führungen durch das potemkinsche Lindenstraßen-Dorf in Köln-Bocklemünd werfen manche Post in die Briefkästen – in der Annahme, die würden regelmäßig geleert. Wenn in der Lindenstraße eine Wohnung frei wird, gibt es ganz reale Bewerbungen, wenn eine Serienfigur stirbt, hagelt es Beileidsbriefe. Und als eine Figur mal an Alzheimer erkrankte, fragten Zuschauer ganz ernsthaft an, ob nicht eine Pflegerstelle frei sei.
Das sind natürlich eher harmlose Anekdoten, und natürlich fällt einem bei diesem Thema auch gleich die „Truman Show“ ein, die gelungene Hollywood-Satire auf die Welt der Reality-Soaps. Das Problem bei Berlusconi ist aber nicht nur, dass hier ein Schmierenkomödiant auftritt, der ein paar Leute hereinlegt. Das Problem ist, dass hier einer so viel Macht und Geld akkumuliert hat, dass er die Wirklichkeit nicht nur beeinflussen, sondern kaufen kann. Berlusconi ist zum Schöpfer einer alternativen Realität geworden, der die Lüge zur Wahrheit machen kann. Und ich frage Sie: Welche Mittel stehen uns, welche Mittel stehen Ihnen in einer solchen Situation noch zur Verfügung?
Ich frage Sie das, weil ich in einer Zeit erwachsen wurde, in der es noch sehr leicht war, zwischen schwarz und weiß, gut und schlecht, wahr und falsch zu unterscheiden. Im Nachhinein könnte man allerdings auch sagen: Es war auch deshalb so leicht, weil wir es uns sehr einfach gemacht haben. Trotzdem habe ich im vergangenen Jahrhundert, also vor langer Zeit, einige epochale Umbrüche erlebt:
a) Vom Programmkino zum Cinemaxx
In Hannover, der Stadt, in der ich zu meinem großen Unglück meine Schulzeit verbringen durfte, gab es damals zum Beispiel ein wunderbares Programmkino, das einem blutjungen, sehr sympathischen Studenten gehörte. Dieser Student zeigte alles, was der Autorenfilm der siebziger Jahre so hergab, und ich schaute mir bei ihm so oft Visconti-Filme an, dass meine Mutter mich schon zum Schulpsychologen schicken wollte. Einige Jahre später war dieser Mann zwar immer noch sympathisch, aber nicht mehr Besitzer eines Programmkinos – sondern der Herr der Cinemaxx-Kinos. Vermutlich kennen Sie ihn alle, ich spreche von Hans-Joachim Flebbe. Nachdem er die Kinolandschaft mit seinen Multiplex-Palästen so gründlich verändert hat, betreibt er nun übrigens wieder Kunstfilmkinos.
b) Von der „Selbstverwirklichungsfantasie“ zur Massenserie
Ein paar Jahre später, als ich in München studierte, geriet ich über eine junge Studentin der Filmhochschule namens Amelie Fried in eine Clique angehender Filmmenschen, die sich einmal im Monat zum Kochen trafen. Einer ihrer Wortführer und Meisterköche war ein Mann, den die meisten von Ihnen längst aus Seminaren kennen, und die anderen werden ihn bestimmt noch kennenlernen: Lutz Konermann. Damals bekam man noch für fast jedes Drehbuch Fördergelder, und Konermann und ich nahmen an der Bavaria-Filmakademie an einem Seminar über das Drehbuchschreiben teil. Der Dozent war der wunderbare István Szabó, und wir wollten etwas über seine Kunst lernen.
Aber schon während der Begrüßung machten uns die Veranstalter in recht barschem Ton klar, dass es ihnen um etwas völlig anderes ging: Sie wollten keine Autoren, die irgendwelche kryptischen „Selbstverwirklichungsfantasien“ ausleben wollten – an dieses Wort erinnere ich mich heute noch –; sie wollten Gebrauchsautoren für Seifenopern und andere Vorabendserien heranziehen. Viele von uns fanden das damals empörend. Aber würden Sie sich heute noch wundern, wenn man Sie in einem Drehbuchseminar so begrüßte?
c) Vom Filmemacher zum Moderator
Zur gleichen Zeit freute sich ein Professor der Filmhochschule, dass unter seinen Studenten auch etliche waren, die gar nicht unbedingt hinter der Kamera stehen wollten, sondern davor – aber nicht etwa als Schauspieler, sondern als Moderatoren. Es gab eine sehr nette und anerkannte Kommilitonin, die damals schon beim ZDF als Ansagerin jobbte.
Meine Damen und Herren, die Film- und Fernsehlandschaft hat sich während dieser Zeit gewaltig verändert, und für Sie sind viele dieser Entwicklungen heute selbstverständlich. Das spiegelt sich nicht zuletzt im Programm Ihrer Filmakademie wider: Werbefilme, interaktive Projekte, Animationen, Wissenschafts- und Spielfilme stehen da nebeneinander und zeigen, wie ausdifferenziert die Medienwelt heute ist. Damit bin ich übrigens beim Thema angekommen, denn eigentlich wollte ich heute Vormittag über Medienvielfalt sprechen, über ihren Wert und ihre Fragilität. Aber vielleicht genügen ja auch ein paar Botschaften.
Wir Medienschaffenden haben ja auch in Deutschland einen eher schlechten Ruf. Auch hierzulande wird viel geschimpft über die Medien, über Verflachung und Trivialisierung, über die Orientierung an Quote und Auflage.
Ich möchte mich hier, trotz Bohlen-TV, Dauer-Kochshows und der ewigen Volksmusik, dennoch vorwagen und sagen: Wir haben in Deutschland immer noch eine beneidenswert schöne Medienlandschaft, die unabhängig und vielfältig ist. Die Bürger können sich umfassend informieren, und wir haben eine stabile Demokratie mit Wählern, die, wie wir am Sonntag vor einer Woche gesehen haben, auch in der Krise mehrheitlich keine Populisten wählen. Im historischen Vergleich, aber auch im Vergleich zu anderen Ländern ist das schon sehr viel; die italienischen Zustände habe ich Ihnen ja gerade vorgeführt.
Lassen Sie mich mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen beginnen, mit dem Sie ja vermutlich auch öfter zu tun haben oder zu tun haben werden. Da fallen jedem gleich der „Musikantenstadl“ ein und das „Fest der Volksmusik,“ Andy Borg und Florian Silbereisen. Aber ich sage Ihnen ganz ehrlich: Wenn es etwas gibt, was mich mehr nervt als Florian Silbereisen, dann ist es das wohlfeile Bashing von Schunkeln und Schenkelklopfen. Denn das Öffentlich-Rechtliche ist nun mal kein Bildungsfernsehen, da muss man sich gar nichts vormachen. Gerade bei ARD und ZDF schauen alle zuerst auf die Quote – auch die Politiker, die sonst immer „Kultur!“, „Qualität!“ und „Niveau!“ rufen. Für ein Fernsehprogramm, das keiner sehen will, kann man keine Gebühren verlangen.
Dann müssen die Fernsehanstalten diese Einnahmen aber auch verwenden, um jede Menge Formate auszuprobieren, die vielleicht nicht so viel Quote bringen. Denn eben diese Freiheit vom Quotenzwang ist ja der Sinn der Gebühren. Sie sind nicht dazu da, anspruchsvolle Programme in Spartensender wie Arte, 3Sat oder auch die Dritten zu verbannen. Gebührenfernsehen bedeutet, auch Zuschauer des Musikantenstadls für ein Kulturmagazin, einen Autorenfilm oder eine außergewöhnliche Dokumentation zu gewinnen. Oder auch für ein kritisches Politik-Format.
Die Öffentlich-Rechtlichen stellen sich der Herausforderung hochwertiger und kritischer Formate viel zu selten. Sie sind zu defensiv, zu ungeduldig – und sie haben zu wenig Vertrauen in Qualität. Was ihnen fehlt, ist der Mut zum Experimentieren. Gute, experimentelle Formate brauchen Zeit, um sich durchzusetzen. Bei der ZEIT haben wir das Dilemma der Öffentlich-Rechtlichen neulich mal zur Titelgeschichte gemacht, unter der Überschrift: „Warum ist das Fernsehen nicht besser?“ Und das war schon die milde Version, ursprünglich wollten wir schreiben: „Warum ist das Fernsehen so schlecht?“ Die empörten Reaktionen aus den Sendeanstalten auf diesen Titel – die der hohen Hierarchen, nicht der Redakteure und freien Mitarbeiter – haben mich darüber nachdenken lassen, ob es vielleicht auch ein zweites Problem gibt, nämlich einen gewissen Realitätsverlust bei den Verantwortlichen – und ich spreche jetzt nicht über Fernsehfilmchefinnen mit multiplen Alter Egos.
Als angehende Filmemacher kennen Sie das Dilemma der Quote. Der Regisseur Hans-Christian Schmid, der ja hier an der Akademie gelegentlich unterrichtet, hat neulich in der Süddeutschen Zeitung sehr anschaulich geschildert, welch einsamer Kampf das leidenschaftliche Engagement für Filmkunst heute sein kein. Er berichtet von der Werbetour für seinen Film „Sturm,“ in dem es um die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien geht, und was er in den kleinen Kinos der Republik erlebt, ist doch sehr ernüchternd. Am entscheidenden Tag telefoniert die Disponentin die fünfzig Kinos ab, in denen „Sturm“ angelaufen ist – und bekommt zu hören, dass den Film im Delphi ganze 78 Leute sehen wollten, im Arri 37, im Abaton 34.
Für einen Laien ist das gar nicht so leicht zu verstehen: „Sturm“ ist hervorragend besetzt, und er schafft es, einen politisch und juristisch komplexen Fall spannend zu erzählen – ein gut gemachter Thriller, keine anstrengende „Selbstverwirklichungsfantasie.“ Dennoch fiel der Film beim Publikum durch, und auch ein Werk wie „Antichrist“ ist bei uns, trotz massiver Werbung und seitenlanger Feuilleton-Besprechungen, nur sehr schwerfällig angelaufen. Ein klassischer Arthouse-Film, schreibt Schmid in seinem Artikel, finde heute in Deutschland kaum mehr als 80 000 Zuschauer. Und viele Berlinale- und Cannes-Gewinner, wenn sie denn überhaupt einen Verleih finden, laufen fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Ich habe aber den Verdacht, dass es viele Produktionen auch aus einem anderen Grund schwer haben. Fast jede Woche werden in der ZEIT, und zwar bestimmt völlig zu Recht, Filme gelobt, von denen ich hinterher nie wieder etwas höre. Diese Woche zum Beispiel bespricht unsere Kritikerin Katja Nicodemus, die ich sehr schätze, den uruguayischen Spielfilm „Gigante,“ der eine Liebesgeschichte aus dem Supermarkt erzählt. Jetzt kann man natürlich sagen: Gerade weil sich das Publikum mit diesen Filmen so schwer tut, ist es geradezu unsere Pflicht, uns mit ihnen zu befassen, selbst wenn wir darüber alle großen Produktionen vernachlässigen – denn sonst hätten diese Filme ja überhaupt keine Öffentlichkeit.
Aber ich möchte doch eine Gegenfrage stellen – auch wenn ich weiß, dass ich mich jetzt auf vermintes Gelände wage und Ihnen hoch und heilig versichern möchte, dass meine Filmkritiker schreiben können, was sie wollen. Aber kann die Tatsache, dass die so genannten Kunstfilme es trotz der teilweise hymnischen Rezensionen so schwer haben, nicht auch anders gedeutet werden – nämlich als Zeichen für die Wirkungslosigkeit der deutschen Filmkritik? Und könnte es nicht sein, dass diese Wirkungslosigkeit auch selbstverschuldet ist durch eine chronische Abneigung der Kritiker gegen alles, was dem Publikum gefallen könnte?
Es gibt nämlich auch das Beispiel des intelligenten und erfolgreichen Films, der von den Kritikern in Grund und Boden geschrieben wird; ich denke da zum Beispiel an „Good Bye Lenin“ von Wolfgang Becker. Und selbst wenn die Kritiker nicht umhinkönnen, einem Film wie „Das Leben der Anderen“ eine gewisse Qualität zuzugestehen, muss der Regisseur Florian Henckel von Donnersmark unbedingt noch einen mitkriegen und als deutschtümelnder Ritter geschmäht werden.
Und wenn ich mich weiter in Rage reden darf, aus der Sie hoffentlich auch meine Liebe zum Kino und zur Filmkritik heraushören, dann verrate ich Ihnen noch, nach welchen Kriterien ich früher immer entschieden habe, ob ich mir einen Film im Kino anschauen soll oder nicht: Ich habe in den Qualitätsblättern, die ich lese, einfach nach den Filmen gesucht, die eher schlecht besprochen wurden. Denn ich wusste: Die unterirdisch schlechten Streifen schaffen es gar nicht in die Zeitung, und für das überschwänglich gelobte viereinhalbstündige koreanische Familiendrama bin ich nicht immer in Stimmung. Also habe ich mir gedacht: Die Filme, die verrissen werden, könnten etwas für mich sein. Meistens lag ich damit auch gar nicht so schlecht.
Meine Damen und Herren, natürlich muss man trotzdem die Frage stellen, ob es für Qualität heute kein Publikum mehr gibt. Droht uns ein industriell produzierter Einheitsbrei, wie Kulturpessimisten ihn seit langem vorhersagen? Ich glaube das nicht. Ganz im Gegenteil: Ich glaube an die Zukunft der Qualitätsmedien, so wie ich an die Zukunft der Zeitung glaube. Denken Sie nur an das Gerede vom Untergang der Holzmedien, das wir nun schon seit einiger Zeit erleben! Das Wort „Zeitungssterben“ ist mittlerweile ja in aller Munde, fast so wie das „Bankensterben,“ und beides klingt so endgültig wie in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts das „Waldsterben.“ Sogar über staatliche Rettungsschirme für Qualitätszeitungen wird inzwischen ernsthaft diskutiert!
Die nackten Zahlen sprechen eine andere Sprache. Bei der ZEIT ist es uns beispielsweise gelungen, in schwerer Seenot sehr erfolgreich zu navigieren und Leser zu gewinnen, und auch einige unserer ärgsten Konkurrenten – die Süddeutsche, die FAZ oder der Spiegel – können ihre Auflagen gut halten. Die Zahlen legen nahe, dass es sich vielleicht doch lohnt, auf Qualität zu setzen. Gerade in der Krise sehnen sich die Menschen nach Orientierung, nach Analysen und Hintergründen. Vielleicht ist das ein Zeichen der Hoffnung, nicht nur für Zeitungsverlage, sondern auch für Filmschaffende wie Sie – und nicht zuletzt auch für die Demokratie.
Dabei ist allerdings auch klar, dass sich jede Schadenfreude gegenüber Konkurrenten verbietet, denen es nicht so gut geht. Denn wenn nur eines der großen Qualitätsblätter in Deutschland existenzielle Probleme bekommt, dann haben wir alle ein existenzielles Problem. Es würde bedeuten, dass die Zeitungen aus der Zeit gefallen wären, schlimmer noch: dass Qualität keinen Markt mehr hätte. Für die politische Kultur in unserem Land wäre das verheerend – so wie es für unsere Kultur verheerend wäre, wenn alle Programmkinos pleite gingen und es nur noch seichte Filme aus der Traumfabrik gäbe.
Ich möchte hier deshalb auch keinen einzigen Problemfall kleinreden, denn es ist ja richtig: Auch in Deutschland haben die Zeitungen mit einer Doppelkrise zu kämpfen – mit der Wirtschaftskrise, die sinkende Werbeeinnahmen zur Folge hat, und mit einer Strukturkrise, weil das Internet immer mehr zu einer Konkurrenz wird und vielen Blättern die Leser ausgehen.
Wir Print-Menschen stehen damit vor ganz ähnlichen Problemen wie Sie als Filmschaffende. Zu besonders großen Verwerfungen führt bei uns derzeit der Kampf zwischen Print und Online, der beinahe überall tobt und in dem sich zwei Hardcore-Flügel gegenüberstehen: Auf der einen Seite die Online-Ideologen, die sich eine kämpferisch-revolutionäre Botschaft auf die Fahnen geschrieben haben. Sie wollen die dünkelhaften Papier-Aristokraten hinwegfegen, ihr Credo lautet: Die Masse ist klüger als der Einzelne! Die Botschaft der Print-Jünger auf der anderen Seite nimmt sich demgegenüber zwar konservativ aus, ist in ihrem elitären Impetus aber nicht weniger radikal: Wir müssen die Werte der analogen Welt vor der digitalen Verflachung und dem Pöbel der User retten, sagen sie – nichts gehe über schöpferische Individualität und Tiefsinn!
Ich persönlich glaube nun, dass diese scharfe Polarisierung etwas weltfremd ist, und zwar ganz einfach deshalb, weil die Entwicklung des Internets nicht rückgängig zu machen ist – so wie ja auch der digitale Film nicht einfach mehr aus der Welt zu schaffen ist. Und weil eine Regulierung nur an einzelnen Symptomen, nicht aber an dem Phänomen selbst etwas ändern könnte. Mir wäre es daher lieber, wenn man die Konfliktlinie nicht zwischen Print und Online, Intellektuellen und Pöbel, Demokraten und Anti-Demokraten zöge, sondern hier wie dort einfach zwischen gutem und schlechtem Journalismus unterscheiden würde, so wie wir auch zwischen guten und schlechten Filmen unterscheiden sollten.
Allerdings gebe ich auch zu, dass ich mich in den letzten Jahren als Print-Chefredakteur einsam gefühlt habe, wenn Journalisten selbst in der Zeitung die Zeitung schlechtschreiben, wenn Medienmanager und sogar Verleger nur noch das allmächtige Internet preisen, dann wundere ich mich über diese Lust am eigenen Untergang. Man kann auch aus Angst vor dem Tod Selbstmord begehen, und die Zeitungsbranche ist ein gutes Beispiel für solche suizidalen Tendenzen.
Meine Damen und Herren, ich erzähle Ihnen das, weil ich mir wünsche, dass wir gemeinsam und mit viel Leidenschaft für Qualität und für eine vielfältige Medienlandschaft kämpfen. Denn es wäre verheerend, wenn wir uns entmutigen oder gar abschrecken ließen – verheerend für die politische Kultur in unserem Land, aber auch für die intellektuelle Kultur. Es ist ja ein bisschen so wie beim Essen: Wer sein Leben lang nur industriell produzierte Fertignahrung mit Geschmacksverstärkern isst, der wird gute Nahrungsmittel niemals zu schätzen wissen. Und was nützt all das über Jahrhunderte aufgehäufte Wissen, wenn es ungelesen in den Bibliotheken verstaubt?
Die Zeitungskrise, von der ich gesprochen habe, ist natürlich schon längst von Hollywood verfilmt worden. Vielleicht haben Sie den Film „State of Play – Stand der Dinge“ selbst gesehen; er lief im Sommer in einigen deutschen Kinos. „State of Play“ ist eine Art Requiem für die gute alte Zeitung, seine Botschaft lässt sich aber auch auf andere Branchen übertragen. Worum geht es? Vor dem Hintergrund der realen Krise in den USA wird der Kampf zwischen Altem und Neuem, zwischen Vergangenheit und Zukunft inszeniert. Die Hauptfigur ist ein Old-School-Reporter, der für so altmodische Sachen wie Recherche und Moral steht, für investigativen und seriösen Journalismus.
Doch seine Zeitung, der „Washington Globe,“ ist gerade von einer neuen Gesellschaft übernommen worden und soll nun erst mal Geld machen. Als der Reporter in gewohnt seriöser Manier über einen unappetitlichen politischen Skandal berichtet, gerät er daher in einen heftigen Konflikt mit seiner Chefredakteurin. Denn das Konkurrenzblatt, die „New York Post,“ macht dieselbe Geschichte mit schmutzigen Sex-Details auf – und die verkaufen sich natürlich viel besser als trockene Fakten! Die Chefredakteurin jedenfalls will von ihrem Starreporter nur noch eins wissen: „Warum haben wir das nicht?“ Die Gegenspielerin des Reporters steht für die neue Welt des Nachrichtengewerbes, für Kommerz, Gier und Zynismus. Sie ist hungrig, sie ist billig, und sie ist schnell.
Natürlich legt der Film am Ende nahe, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das Grellbunte und Billige den Qualitätsjournalismus komplett vom Markt gefegt haben wird. Und anscheinend ist es dieser Kampf zwischen neu und alt, Geld und Geist, Boulevard und Seriosität, der die Drehbuchschreiber an unserer Branche interessiert. Ich finde dieses existenzialistische Entweder-Oder, wie gesagt, ein bisschen zu einfach. Und ich denke, dass wir uns gegen das Bild wehren müssen, das hier von der Medienbranche gezeichnet wird: Dass nämlich irgendwelche ökonomischen Sachzwänge alles hinwegspülen, was uns noch wichtig ist: handwerkliches Können, Kunstfertigkeit und Kreativität.
Ich möchte deshalb an Sie appellieren, auch in schwierigen Zeiten nicht aufzugeben. Denn ich bin mir sicher, dass sich Leidenschaft lohnt. Das zeigt auch eine Geschichte, die ich Ihnen zum Schluss erzählen möchte. Sie handelt von einem der großartigsten Liebespaare der Filmgeschichte, nämlich von Federico Fellini und Giulietta Masina, genauer gesagt: Sie handelt von ihrem Sterben.
Im Oktober 1993, kurz vor der goldenen Hochzeit, erlitt Fellini einen Schlaganfall und wurde auf die Intensivstadion gebracht. In seiner Heimat fand der weltberühmte Regisseur schon keine Geldgeber mehr für seine Filmideen. Nun aber bekam er Aufmerksamkeit von der Art, die sich kein Mensch wünscht: Sein langsames Sterben wurde skrupellos vermarktet. Seine Frau, die an Lungenkrebs im Endstadium litt und Fellini nicht mehr im Krankenhaus besuchen konnte, erfuhr jedes, wirklich jedes Detail seines Todeskampfes aus der Zeitung. Und als es dann endlich vorbei war, sah sie ein Foto ihres toten Mannes auf dem Fernsehschirm. Ein Paparazzo hatte sich verkleidet ins Krankenhaus geschmuggelt, dem toten Fellini alle Schläuche abgerissen und ihn mit der Kamera abgeschossen. Fünf Monate nach dem Tod des Regisseurs starb auch Giulietta Masina.
Warum erzähle ich Ihnen das? Nicht nur, weil ich Ihnen eine symbolische Geschichte über das Ende einer Epoche schildern will, sondern weil ich Ihnen Mut machen will, Ihren Träumen nachzujagen, etwas zu probieren, daran zu glauben, dafür zu kämpfen, ganz egal, wie hart die Produktionsbedingungen auch sein mögen. Fellini war ein hagerer, mittelloser Karikaturenzeichner, als er 1938 nach Rom ging. Er nahm sich ein möbliertes Zimmer in Bahnhofsnähe und verdiente sein Geld als Sekretär und Bote. Doch dieser Mann hat die Bilder geschaffen, die bleiben werden – nicht der Scheiß-Paparazzo, der das Bild des Toten im Krankenhausbett zu verantworten hat.
Meine Damen und Herren, ich wünsche Ihnen Mut zum Experimentieren – und ganz viel Erfolg im Studium!
Ich danke Ihnen.