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Dokumentarfilm

„Sehen, denken, sprechen, drehen.“
Joris Ivens

Ein Dokumentarfilm ist das Ergebnis von Beziehungen, die man für eine bestimmte Zeit mit Anderen eingeht, eine Komposition gegenseitiger Anregungen, wenn Menschen mit Herz und Verstand aufeinander treffen. Ein guter Dokumentarfilm muss, wie ein Spielfilm, von einer Geschichte mit vielschichtigen Charakteren getragen werden, eine narrative Spannung erzeugen. Dokumentarfilme erzählen aber vor allem von den persönlichen Erlebnissen eines Autors, einer Regisseurin mit außergewöhnlichen Menschen oder auch Landschaften, Tieren, Straßen, Städten – das sind existenzielle, liebevolle, spannungsreiche, wütende Begegnungen.  

„Die Wahrheit ist eine Lüge! Wenn ich sie in meinen Bildern suche, in welchem der vielen Versuche ist sie? In dem, den ich auswähle?“

Pablo Picasso

Inwieweit kann heute der Dokumentarfilm sein Versprechen noch einlösen, authentisch zu sein? Mit welchen formalen und erzählenden Mitteln begegnen wir der wachsenden Verunsicherung beim Zuschauer ob der medialen Flut von Bildern ungeklärter Herkunft: Sei es gefaktes Archivmaterial, gephotoshoptes, generiertes Found-footage, gecastete Protagonisten für Doku-Soaps, nicht zu entschlüsselnde Mischformen zwischen Fiktion und Dokumentarischem? Wo ziehen wir die Grenze zwischen persönlichem Skrupel und der künstlerischen Freiheit und Lust, mit Formen und Herangehensweisen zu spielen?

„Die Menschen verhärten nicht durch die Quantität der Bilder. Es ist vielmehr die Passivität, die abstumpft.“
Susan Sontag

Als Dokumentarfilmer versuchen wir, uns in die Lebenswelten Anderer hineinzuversetzen und die Welt durch ihre Augen zu sehen. Es ist nicht die oberflächliche, vordergründige Story, die  packt, sondern das seelische Erlebnis. Die Geschichten müssen über das eigentliche Geschehen hinausgehen, den unbewussten Seelenbetrieb anwerfen, die unbewussten, existenziellen Grundkomplexe zum Schwingen bringen. Das zu modellieren, ist die Kunst. Natürlich arbeiten wir im Dokumentarfilm auch mit dramaturgischen Mitteln, wie Drei-Akt-Schema, Reise des Helden, Konflikt-Krise-Klimax-Lösung etc; das bleibt aber ein lebloses Aneinanderreihen von Ereignissen, wenn die Erzählungen nicht tiefer dringen und die spezielle dokumentarische Aura verströmen. Das ist wie mit Aromen. Da können sich die Chemiker noch so viel Mühe geben, sie werden  niemals diese Komplexität nachbauen können, durch die echte Kirschen, echte Trauben, echte Beeren nach den besonderen Böden und Jahreszeiten, Temperaturen duften und schmecken. Das kann kein künstliches Aroma imitieren. So ist es auch mit der Wirkung der besonderen Momente und Augenblicke im Dokumentarfilm.

Wir lehren unsere Studierenden, ohne Vorurteile hinzuschauen, eigene Haltungen zu suchen und zu ihrem eigenen Empfinden, Denken und Fühlen zu stehen. Wer Zeit investiert, kann Vertrauen aufbauen. Wir ermutigen die Studierenden, Widersprüche und Mehrdeutigkeit auszuhalten, ihre Unsicherheit und ihre Selbstzweifel zu ertragen und offen zu sein für Kritik und Selbstkritik. Unsere Studierenden begegnen ihren Geschichten mit großer Achtsamkeit, wenn es darum geht, den Blick in unserer unmittelbaren Nähe eben länger zu halten, als für einen Zwischenschnitt nötig. Und sie sind mutig, wenn sie über die Grenzen blicken, Fragen stellen. Das wollen wir fördern und den Studierenden das für ihre Arbeit nötige Handwerkszeug mit auf den Weg geben.

Das dokumentarische Arbeiten unterscheidet sich von anderen filmischen Formen dadurch, dass es je nach Sujet und finanzieller Situation unterschiedliche Teamkonstellationen geben kann: Einerseits das Ein-/Zwei-Personen-Team, in dem verschiedene Berufsbereiche in Personalunion ausgeübt werden, andererseits auch das große Filmteam, wie beim Doku-Drama, das dem Spielfilm durchaus vergleichbar ist. Deshalb vermitteln wir im Studienschwerpunkt Regie/Dokumentarfilm das umfassende Angebot aktueller und historischer Formen dokumentarischen Arbeitens. Die Spannbreite beinhaltet den künstlerischen Autoren-Dokumentarfilm, das dokumentarische Essay sowie journalistisch ausgerichtete Reportagen und Features, Mischformen mit fiktionalen Elementen wie das Doku-Drama und die Doku-Soap. Die theoretische und praktische Arbeit umfasst die Themen Recherche, Exposé und Treatment, Interview- und Gesprächsführung, Drehbuch, Regie, Dramaturgie, Kamera, Licht, Ton, Schnitt, Musik und Postproduktion. Über den Studienalltag hinaus ermöglicht die regelmäßige Zusammenarbeit der Abteilung mit namhaften Redaktionen und Filmförderungen (z.B. MFG, SWR/Junger Dokumentarfilm, Spiegel TV, ZDF/Kleines Fernsehspiel) den Studierenden, sich bereits während der Ausbildung innerhalb des Doku-Marktes zu profilieren.

Michael Möller, Prof. Helga Reidemeister, Heidi Specogna