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Prof. Dr. Peter Winterhoff-Spurk:

„ ... der Nebel der Barbarei verschwindet ... “ – Wie das Fernsehen den Sozialcharakter prägt und was man dagegen tun kann. (Vortrag zur Semestereröffnung der Filmakademie in Ludwigsburg am 04.10.2005)

Den nachfolgenden Text können Sie sich hier als PDF-Dokument herunterladen.

1. „Wenn wir einmal an die Macht kommen, dann müssen Sie meine Filme machen!“ - Der Riefenstahl-Mythos.

Mit diesen Worten, meine Damen und Herren, entließ Adolf Hitler die knapp 30jährige Schauspielerin und Regisseurin Leni Riefenstahl nach dem ersten Zusammentreffen am 23. Mai 1932 in Wilhelmshaven.

Ein scheinbar belangloser Augenblick, gleichwohl geschah hier etwas Folgenschweres: Mit Helene Bertha Amalia Riefenstahl meldete sich ein neuer Sozialcharakter auf der Bühne der Zeitgeschichte. Sie verlieh dem Dokumentarfilmgenre ein neues Wirkungsspektrum und prägte damit eine ganze Generation (vgl. zum folgenden Kinkel, 2002; Knopp, 2001; Trimborn, 2002; Winterhoff-Spurk, 2005). Was ging dem voraus?

Geboren wurde sie am 22. August 1902 in Berlin als das erste Kind des Installateurmeisters Alfred und der Näherin Bertha Riefenstahl. Der Vater, ein gefühlskalter, eitler und autoritärer Mann, hat sich als erstes Kind einen Sohn gewünscht: „Schade, daß Du nicht ein Junge geworden bist, und Dein Bruder ein Mädchen“, sagt er später zu ihr (Riefenstahl, 1990, S. 25).

Die Mutter stammt aus einer Großfamilie mit 21 Kindern und einem arbeitslosen Vater. Schauspielerin wollte, Näherin mußte sie werden. Die Heirat mit Alfred Riefenstahl hieß: Ihre Träume für eine gesicherte, kleinbürgerliche Existenz eintauschen.

Keine glückliche Familie also. Der Vater zeigt der Tochter wenig Zuneigung, er verbringt seine freie Zeit lieber beim Skat oder auf der Pferderennbahn. Die Mutter projiziert ihre unerfüllten Wünsche auf die Tochter: „Lieber Gott, schenke mir eine wunderschöne Tochter, die eine berühmte Schauspielerin werden wird“, hat sie während der Schwangerschaft gebetet (Riefenstahl, 1990, S. 15).

Leni flüchtet sich aus dieser schwierigen familiären Situation in die Natur, das Theater und – den Film. Früh schon setzt sie sich auch mit Tanzvorführungen in Szene, wird dafür von den theaterbegeisterten Eltern gelobt, Freunden und Verwandten gar als „Wunderkind“ vorgeführt. Das gefällt ihr: Zunächst heimlich, später mit Zustimmung des Vaters läßt sie sich zur Tänzerin ausbilden. Nach dem ersten öffentlichen Auftritt im Oktober 1923 folgen rund 70 weitere in acht Monaten. Dann springt sie falsch und verletzt sich am Knie – das Ende ihrer Karriere als Tänzerin.

Also doch zum Film? Ja, DER HEILIGE BERG  wird der erste von sechs Bergfilmen mit Arnold Fanck. „Sportschauspielerin“ wird sie bald von der Presse genannt,  „Reichsgletscherspalte“ machte daraus der Volksmund. Genug war ihr das auf Dauer nicht,1931 gründet sie ihre eigene Firma und produziert den Film  DAS BLAUE LICHT. Er wird 1932 uraufgeführt, erhält zwiespältige Kritiken. Von Kitsch, Stillosigkeit und flacher Mystik ist die Rede. „Wie komme ich dazu, mir von diesen Fremdlingen, die unsere Mentalität, unser Seelenleben nicht verstehen können, mein Werk zerstören zu lassen“, giftet sie über vermeintlich jüdische Kritiker (Kinkel, 2004, S. 38).

Ihr Privatleben ist unstet. Nach einer unglücklichen Beziehung zu einem Berliner Tennischampion, den sie sich kühl für ihre Defloration ausgesucht hatte,  folgen zahlreiche Affairen, mit Louis Trenker, mit Arnold Fanck, mit jungen Sportlern und Mitarbeitern aus der Filmbranche.

Und dann: Adolf Hitler. Ihn sieht sie zum ersten Mal am 27. Februar 1932 im Berliner Sportpalast. Marschmusik, Sprechchöre und 25.000 andere Menschen bringen sie in Stimmung. Gegen 22.00 Uhr erscheint er endlich: „Mir war, als ob sich die Erdoberfläche vor mir ausbreitete – wie eine Halbkugel, die sich plötzlich in der Mitte spaltet, aus der ein ungeheurer Wasserstrahl herausgeschleudert wurde, so gewaltig, daß er den Himmel berührte und die Erde erschütterte. Ich war wie gelähmt“ (Riefenstahl, 1990, S. 158).

Wenig später schreibt sie ihm: „Sehr geehrter Herr Hitler, vor kurzer Zeit habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine politische Versammlung besucht. Sie hielten eine Rede im Sportpalast. Ich muß gestehen, daß Sie und der Enthusiasmus der Zuhörer mich beeindruckt haben. Mein Wunsch wäre, Sie persönlich kennenzulernen.“

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, es kam zu dem eingangs genannten Treffen. Von da an gehörte Leni Riefenstahl zum offiziellen gesellschaftlichen Umfeld der NSDAP. Private Besuche und Einladungen Hitlers und anderer Größen des Dritten Reichs folgten. Und sie hat später seine Filme gemacht, SIEG DES GLAUBENS (1933), TRIUMPH DES WILLENS (1935) und TAG DER FREIHEIT (1935); dann die beiden Olympiafilme FEST DER SCHÖNHEIT und FEST DER VÖLKER (1938). Im Krieg versuchte sie sich kurz als „Sonderfilmtrupp Riefenstahl“, vermutlich um einen weiteren Film über Hitler im Polenfeldzug zu machen, bevor sie sich in ihr Endlosprojekt, den Film TIEFLAND, zurückzog.

Nach dem Krieg brachten ihr ausgerechnet diese Dokumentarfilme ein überraschendes Comeback. 1974 war sie Ehrengast des ersten feministischen Filmfestivals in den USA, Andy Warhol lud sie zu sich ein, Mick Jagger kokettierte mit ihr, Helmuth Newton nannte sie ein „Genie“ (Kinkel 2002, S. 284 f.; Trimborn, 2002, S. 476ff.) Schließlich wählte das TIME MAGAZIN  sie unter die 100 wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts (Trimborn 2002, S. 481). Bei der Feier zum 75. Jubiläum dieser Zeitschrift erhielt sie -  in Anwesenheit von Bill Clinton, Michail Gorbatschow, Norman Mailer und Elie Wiesel -  „standing ovations“.

Damit das klar ist: Ich halte die Trennung von Bildästhetik und –inhalt, von Form und Funktion bei der Beurteilung der Riefenstahl-Filme für töricht, ja gefährlich. Mit dieser Argumentation könnte man auch den Generalbaumeister von Berlin, Albert Speer, nachträglich als hervorragenden Architekten, ja, Adolf Eichmann als begnadeten Organisator ehren. Leni Riefenstahl war keine „Mitläuferin“, als die sie 1949 eingestuft wurde. Sie prägte früh das Gesicht des Dritten Reichs, hat damit die Herzen und Hirne der Deutschen vergiftet. Susan Sontag bezeichnet ihr Werk völlig zu Recht als ein „Tryptichon ... faschistischer Denkweisen“ (Kinkel, 2004, S. 282).

Aber ob es mir gefällt oder nicht: Ihre Memoiren wurden in 14 Sprachen übersetzt, Retrospektiven und Photoausstellungen, das Theater und die Musikszene beschäftigten sich mit ihr, im Internet finden sich im Juli 2005 fast 300.000 Einträge.
Warum beschäftigt sich die internationale Filmszene nach wie vor mit dieser Frau?

 

 

2. „Er war kein Politiker, er war ein Medien-Artist“ – Der histrionische Sozialcharakter.

„Er war kein Politiker, er war ein Medien-Artist“, das soll David Bowie 1976 über Adolf Hitler gesagt haben. Und weiter: „Wie er sein Publikum bearbeitete! Die Mädchen wurden heiß und schwitzig, und die Kerle wünschten sich, das wären sie da oben. Die Welt wird so etwas nicht wiedersehen. Er machte ein ganzes Land zu seiner Bühnenshow“(Trimborn, 2002, S. 478f.).

Bowie hielt auch Leni Riefenstahl für eine Pop-Ikone. Er ist ein moderner Showstar, der die Welt aus der Bühnenperspektive sieht. Aus dieser Sicht mag er Recht haben, spürt er gewiß eine psychologische Verwandtschaft mit ihr. Schauspieler sind beide, in einem weiteren Sinne, deren Lebensinhalt hauptsächlich darin besteht, sich in Szene zu setzen.

Und genau das ist der Punkt, in dem sich Individuelles und Gesellschaftliches treffen: Bowie und Riefenstahl verkörpern einen neuen Sozialcharakter, den Histrio: Sie in den 30er Jahren in Deutschland als dessen Protagonist, David Bowie in der globalen Gegenwart als sein Propagandist.

Der Histrio (lat. für Schauspieler) – was soll das sein? Die Psychologie beschreibt eine histrionische Persönlichkeit so:
• Ihre Gefühle sind schnell erregt, flach, oberflächlich, labil, theatralisch, wenig differenziert. Sie ist schnell kränkbar, neigt zu Gefühlsausbrüchen mit  anschließenden depressiven Verstimmungen.
• Ihr Denken ist egozentrisch, oberflächlich, intuitiv, wenig strukturiert und impressionistisch. Sie ist leicht zu beeinflussen, hat eine romantisierende Weltsicht mit entsprechenden Idealisierungtendenzen.
• Ihr Verhalten ist durch Interesse für alles Lebhafte, Farbige, emotional Aufgeladene und Provozierende gekennzeichnet. Sie beschäftigt sich intensiv mit ihrer körperlichen Attraktivität, ist egozentrisch und instrumentalisiert andere Menschen manipulativ oder aggressiv für ihre Ziele. Sie gibt sich häufig verführerisch, sexualisiert alle Aktivitäten oder setzt sich mit Krankheiten in Szene. Sie versucht, immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen.

Zum Sozialcharakter wird dieser Typus, wenn diese Merkmalskonfiguration die Mehrheit der Menschen einer spezifischen Epoche , Kultur und sozialen Gruppierung beschreibt. Frühere Beispiele sind etwa der nervöse Charakter der Zeit zwischen Bismarck und Hitler (Radkau, 1998); der autoritäre Charakter des Faschismus (Adorno et al., 1950) oder der narzißtische Charakter unserer Tage (Lasch (1980).

Histrios entwickeln sich in familiären Kontexten, die durch
• längere Bindungsunsicherheit,
• mangelnde elterliche Zuwendung,
• geringe Impulskontrolle,
• ausweichendes Verhalten und
• theatralische Inszenierungen
gekennzeichnet sind. Das Kind erlebt, daß es seine Wünsche auf normalen Weg nicht durchsetzen, keine dauerhaft engen Beziehungen aufrechterhalten kann. Aber es erfährt zugleich, wie die Eltern dies tun, nämlich mit inszenierten Übertreibungen. So versucht es auch selbst, seine emotionalen Defizite durch auffälliges Verhalten zu kompensieren. Es kann sich nicht selbst lieben, also drängt es die anderen ständig dazu, dies zu tun.

Eine Rückblende auf das Leben der Riefenstahl: Ein autoritärer Vater, der sie mißachtete, und eine Mutter, die von einem besseren Leben träumte. Beachtung fand Leni nur dann, wenn sie sich in Szene setzte. Dabei ist sie geblieben, zuerst als Tänzerin, dann als Schauspielerin, schließlich als Regisseurin. Durchsetzungsfähig war sie, aggressiv und manipulativ. Wenn gar nichts mehr ging, halfen Tränen nach. Ihre Liebesbeziehungen? Meistens unglücklich. Affäre reihte sich an Affäre. Bis sie Hitler im Sportpalast sieht, er wurde ihre große, unerreichbare Liebe. Süchtig nach Auftritten war sie, Premieren und Preisverleihungen waren ihre glücklichsten Momente. Die psychologische Diagnose liegt auf der Hand: Eine ausgeprägt histrionische Persönlichkeit.

Das allein wäre ja nicht weiter schlimm. Fatal wurde es durch ihre Berufswahl und das genannte Zusammentreffen mit Hitler. Einen einzigartigen, strahlenden Medien-Helden konnte die Riefenstahl deswegen aus ihm machen, weil er dieser Held für sie war und weil sie über die notwendigen beruflichen Fertigkeiten für diese Idealisierung verfügte. Beides fiel auf fruchtbaren Boden: Riefenstahls Hitlerbild wurde auch von Millionen Deutschen, da hat David Bowie recht, geradezu brünstig aufgenommen. TRIUMPH DES WILLENS beispielsweise führte zu Kassen- und Besucherrekorden. Der Film traf also auch auf die Bereitschaft der Deutschen zur romantisierenden Heldenverehrung. Die histrionischen Persönlichkeitszüge von Leni Riefenstahl hatten ihr Pendant bei großen Teilen der Bevölkerung, sie waren Teil des deutschen Sozialcharakters jener Tage.

War denn die gesellschaftliche Situation Anfang der 30er Jahren in Deutschland nicht durch nachhaltige Bindungsunsicherheit und durch erste Vorboten einer Inszenierungsgesellschaft gekennzeichnet?

Die Weltwirtschaftskrise hatte die Industrieproduktion halbiert,  Beamtengehälter wurden um 25 % gekürzt,  die Arbeitslosigkeit stieg 1933 auf 16 %. In den Großstädten setzte die sexuelle Revolution ein, es war eine Revolution der Frauen: Jetzt waren auch  Frauen zunehmend über Sexualpraktiken, Verhütungen und Schwangerschaftsabbruch informiert, auch sie nahmen sich das Recht auf sexuelle Beziehungen vor und außerhalb der Ehe. Andere Lebensgemeinschaften als die klassische Familie entstanden.

Und dann die NSDAP, war sie nicht die Partei der großen Inszenierungen?: Von Beginn an hatte sie massiv auf den Führerkult gesetzt. Das ganze Repertoire der Partei - Symbole, Fahnen, Massenkundgebungen, Werbefilme, Lautsprecherübertragungen, der Hitlergruß und die spektakulären Deutschlandflüge „Hitler über Deutschland“ – , alles war auf ihn zugeschnitten. Charlie Chaplin hat das Zirzensische dieser Inszenierungen schon 1940 in seinem wunderbaren Film „Der große Diktator“ hellsichtig entlarvt.

Alles nur Geschichte? Ich glaube nicht.

Auch heute haben die Menschen wieder in hohem Maß mit Bindungsunsicherheit zu kämpfen. Nehmen wir nur den modernen Arbeitnehmer. Er muß in der lateralen, team-orientierten Organisation mit einem ständig wechselnden Ensemble von Personen zusammenarbeiten, zunehmend auch aus unterschiedlichen Kulturen. Er muß er immer wieder neu kollegiale Kontakte herstellen, sie eine Weile halten und nach getaner Arbeit wieder beenden können. Allgemein verlangen die gegenwärtig herrschende „shareholder value“-Unternehmenspolitik und die makroökonomischen Prozesse der Globalisierung eine ständige Bereitschaft zur Veränderung und gut ausgeprägte inszenatorischer Fähigkeiten. „Eindrucksmanagement“ heißt das kühl in der Organisationspsychologie. Ein gut ausgebildeter Amerikaner muß im Verlaufe seines Arbeitslebens elf Orts- und Stellenwechsel bewältigen. Alle vier Jahre hat er sich gegen Mitbewerber durchzusetzen, im neuen Unternehmen zu positionieren, am neuen Wohnort wieder Freundschafts- und Nachbarschaftsbeziehungen aufzubauen, wenn er nicht „living apart together“ will.

Die wichtigste Instanz traditioneller Bindungen – die Familie – kann solche Belastungen offenbar nicht mehr abpuffern. In einer Befragung von rund 1.000 mobilen Berufstätigen bei uns ergab sich (Schneider, Limmer & Ruckdeschel, 2002), daß rund zwei Drittel  über schlechte psychische Befindlichkeit, Streß, Zeitmangel, sozialen Kontaktverlust und Entfremdung von Partner und Familie klagen.

Und das sind die Folgen:

• Die Deutschen trennen sich früher: Nicht mehr das siebte Ehejahr ist das verflixte, im fünften und sechsten Ehejahr sind die Scheidungsziffern am größten  (Emmerling, 2003).
• Sie trennen sich häufiger: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2003 dreimal so viel Ehen geschieden wir zehn Jahre vorher (108 auf je 10.000 Ehen). Für die Zukunft ist damit zu rechnen, daß mehr als ein Drittel aller Ehen wieder getrennt wird (Emmerling, 2003).
• Sie verlassen häufiger ihre Kinder: Gegenwärtig wachsen rund  14 % aller Kinder bei einem allein erziehendem Elternteil auf (Pressemitteilungen des Statistischen Bundesamtes vom 18.01.2002 und vom 06.11.2003).  Experten schätzen, daß im kommenden Jahrzehnt sogar jedes dritte Kind im Laufe seiner Kindheit erleben wird, daß sich seine Eltern trennen (ÖKOTEST 12, 2003, S. 86).

Der amerikanische Sozialwissenschaftler Richard Sennett (1998, S. 38) faßt die sozialpsychologische Großwetterlage so zusammen: „Distanz und oberflächliche Kooperationsbereitschaft sind ein besserer Panzer im Kampf mit den gegenwärtig herrschenden Bedingungen als ein Verhalten, das auf Loyalität und Dienstbereitschaft beruht. ... Vielleicht ist die Zerstörung des Charakters eine unvermeidliche Folge. ‘Nichts Langfristiges’ desorientiert auf lange Sicht jedes Handeln, löst die Bindung von Vertrauen und Verpflichtung und untergräbt die wichtigsten Elemente der Selbstachtung.“


3. „Fernsehen ist der gewaltigste Lieferant sozialer Images und Botschaften, den es  ... je gab.“ – Die unsichtbare TV-Religion.

„Der etwas andere Blumenshop“, „Die etwas andere Hundeschule“, „Das etwas andere Verkaufsgespräch“ – machen Sie sich mal den Spaß und googeln Sie mit den beiden Worten „etwas andere“. Sie erhalten fast 4 Millionen Einträge.  Darin zeigt sich, daß man unsere Gesellschaft heute insgesamt als „Inszenierungsgesellschaft“ bezeichnet (Willems & Jurga, 1998). Menschen müssen, wenn sie Arbeit und Liebe anstreben, mehr denn je eine Person darstellen, die anderen auffällt. Aber das ist nicht einmal das Entscheidende. Der wesentliche Unterschied zu den 30er Jahren besteht darin, daß die Menschen mehr denn je auch in ihrer freien Zeit den Einflüssen von Inszenierungsinstanzen ausgesetzt. Die Rede ist vom Fernsehen, das vor rund 50 Jahren begonnen hat, unsere Freizeit zu erobern. 

224 Minuten täglich sahen deutsche Zuschauer im Jahr 2004 fern (MEDIA PERSPEKTIVEN BASISDATEN 2004). Wir haben uns mittlerweile so daran gewöhnt, daß uns gar nicht mehr auffällt, was das eigentlich bedeutet. Dreidreiviertel Stunden täglich, das ist mehr als ein 24-Stunden-Tag pro Woche,  das sind fast zwei Monate im Jahr oder rund zwölfeinhalb Jahre eines durchschnittlichen Lebens (= 80 Jahre) ununterbrochen fernsehen! Keine andere Institution unserer Gesellschaft bringt so viele Menschen dazu, so lange zur gleichen Zeit dasselbe zu tun.

Aber vor allem: Keine andere Institution vermittelt so vielen Menschen so einheitliche Werte wie das Fernsehen. „Fernsehen ist der gewaltigste Lieferant sozialer Images und Botschaften, den es  - historisch gesehen – je gab. Es ist der „mainstream“ der gemeinsamen symbolischen Umwelt, in den unsere Kinder hinein geboren werden und in dem wir alle unser Leben leben“, meint dazu der amerikanische Medienwissenschaftler George Gerbner (Gerbner, Gross, Morgan & Signorelli, 1994, S. 17). Es ist gewiß nicht übertrieben, das Fernsehen als eine „invisible religion“, eine Diesseitigkeitsreligion (Luckmann, 2000)  zu bezeichnen, deren Predigten Tag für Tag auf die Zuschauer niedergehen.

Was wird denn da eigentlich verkündigt?

Zunächst die Seifenopern, als wichtigstes Teilgenre (Gerhards & Klingler, 2004). Der Inhalt läßt sich so zusammenfassen: Eine junge, hübsche Frau und ein jungenhafter, gutaussehender Mann leben in trauter Zweisamkeit. Die Idylle wird durch eine von außen kommende Figur gestört, häufig ist es die Stiefmutter oder die böse Mutter einer der Hauptfiguren. Abgehandelt werden vor allem emotionale Probleme, gefolgt von Fragen zum Aussehen, zum Selbstwert oder zum Eigentum. Wenn jemand stirbt, dann dramatisch: Mord, Unfall oder Infarkt stehen an erster Stelle.

Weiter der Bereich Information. Es beruhigt, daß dieses Genre auf Platz zwei der Nutzungszeiten steht. Allerdings nur so lange, bis man erfährt, daß auch die Infotainmentsendungen dazugezählt werden. Dort wird  aber nahezu ausschließlich über  Kriminalität und Unglücksfälle, Prominente und das Showbusiness, Human Interest und Erotik berichtet (Krüger & Zapf-Schramm, 2001). Fatalerweise prägt der Stil der Boulevardmagazine zunehmend auch die klassischen Politikmagazine: So wurden deren Beiträge in den letzten 20 Jahren um durchschnittlich drei Minuten kürzer, sie sind jetzt personenzentrierter, auch hier gibt es eine signifikante Zunahme von Gewalt (Winterhoff-Spurk, Unz & Schwab, 2005).

Letzteres gilt nun leider auch für die klassischen  Nachrichtensendungen:
• Gewaltthemen sind  häufiger geworden,
• die Gewaltdarstellung hat sich intensiviert
• und Gewalt rückt an die exponierten Stellen im Sendungskonzept.

Aber auch undramatische Ereignisse - Konferenzen, Staatsbesuche, Parteitage - werden nach Möglichkeit aufgeheizt: 1968 konnte ein Politiker in den Abendnachrichten des amerikanischen Fernsehens noch 43 Sekunden ohne Unterbrechung sprechen, 1980 verblieben ihm noch 12 und 1992 schließlich nur noch 8 Sekunden – Tendenz weiter fallend.  „Mitbürger, Freunde, Römer hört mich an: Begraben will ich Cäsarn, nicht ihn preisen. Was Menschen Übles tun, das überlebt sie, das Gute wird mit Ihnen oft begraben“, hätte Antonius 1968 noch im TV sagen dürfen. Heute wird daraus „Mitbürger, Freunde, Römer“ (Frantzich und Percy, 1994, S. 178). Politische Konzepte? Im amerikanischen Fernsehen dominiert die Berichterstattung über den Wettkampfcharakter des Wahlkampfes und über die charakterlichen Merkmale der Bewerber (Hallin, 1992).

Am dritthäufigsten sieht der Zuschauer Unterhaltungssendungen. Dazu zählen die sogenannten Affekt-Talks. Hier stellen mehr oder weniger aggressive Moderatoren meist völlig unbekannte Menschen vor, die irgendeine bizarre Erfahrung gemacht haben oder eine entsprechende Eigenschaft aufweisen. Die Sendungen werden oft mit sehr intimen Geständnissen der eingeladenen Gäste eingeleitet, der Moderator versucht anschließend, eine möglichst emotional aufgeladene Diskussion zu provozieren. Bei den sog. „confro-talks“ gehen die Teilnehmer auch schon einmal mit Fäusten aufeinander los.

Erwähnen will ich auch ein Genre, daß viel zu wenig öffentliche Beachtung erfährt, nämlich die Musikvideos. Meistens geht es dabei um Liebe, das interessiert die meist jungen Zuschauer. Was ihnen aber sicher nicht bewußt ist: Sie bekommen - quasi nebenbei - extrem einseitige Geschlechterrollen vorgeführt. Männer werden als waghalsig, aggressiv und dominant, Frauen als leicht bekleidete Staffage männlicher Musiker gezeigt. Sie werden von den Männern instrumentalisiert, dominiert und nicht selten attackiert. Darüber hinaus wird etwa bei der Hälfte der Videoclips aggressives und anderes antisoziales Verhalten gezeigt, oft in Kombination mit Sexualität. Und schließlich enthalten drei von vier Clips indirekte Konsumhinweise auf Getränke, Zigaretten und Kleidung.

Fernsehen als unsichtbare Religion? Vom Zeitaufwand her gesehen gewiß, aber sicher auch von den Inhalten: Fernsehen sagt nicht nur, was ist, sondern auch, was richtig und was falsch ist. Es fordert zur Mildtätigkeit auf, belohnt die Guten und straft die Bösen. Fernsehen prägt Paradiesvorstellungen und schenkt Menschen Entlastung von den Bedrückungen des Alltags, manchmal sogar Glück und Reichtum. Und es hat in den Redakteuren seine Priester, in den Moderatoren seine Heiligen, in den Stars seine Götter.

Entscheidend ist aber, wie es seine Inhalte präsentiert: Fernsehen ist oberflächlich, theatralisch, wenig differenziert. Es hat vor allem Interesse am Lebhaften, emotional Aufgeladenen und Provozierenden. Es beschäftigt sich intensiv mit körperlicher Attraktivität, gutem Aussehen und instrumentalisiert Menschen für seine Ziele. Es gibt sich verführerisch, sexualisiert viele seiner Aktivitäten und versucht, immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Es personalisiert und emotionalisiert.

Nach Form und Inhalt: Legen wir die oben für eine histrionische Persönlichkeit  vorgestellten Kriterien hier einmal an eine Institution an, so muß man sagen: Das Fernsehen ist nicht nur eine unsichtbare, es ist auch eine histrionische Religion.


4. „Ich kann verstehen, was Sie mitmachen.“ – Der geheime Erzieher Fernsehen.

Um im Bild zu bleiben: Kommt das eigentlich auch so bei den Gläubigen an?

Gläubige – das sind hier die sog. Vielseher. Sie haben im Vergleich zu anderen Sehergruppen größeres Vertrauen zum Fernsehen, der Presse, zur Medizin, zur Polizei, zum Militär, zum Erziehungssystem, der organisierten Religion und den Gewerkschaften. Sie mißtrauen großen Firmen und der Wissenschaft. Ferner überschätzen die Häufigkeit von Ärzten, Rechtsanwälten und Geschäftsleuten in der Bevölkerung und die Häufigkeit bestimmter Krankheiten wie Herzinfarkt und Krebs. Zuschauer, die ausschließlich das Fernsehen zur politischen Information benutzen, haben eine zynischere Haltung zur Politik und den Politikern (vgl. Übersicht bei Winterhoff-Spurk, 2000). Wer allgemein viel TV zur Unterhaltung sieht, beteiligt sich nicht mehr am gesellschaftlichen Leben seiner Gemeinde (Putnam, 2000). Bei  speziell bei Jugendlichen hat sich ein sog.  „cynical chique“ herausgebildet: Sie finden Politiker als langweilig, korrupt und egoistisch (Buckingham, 2000, S. 203).

Auch spezielle Sendungen prägen auf Dauer ihr Publikum: So überschätzen Vielseher von MTV die Häufigkeit bestimmter Sexualpraktiken in der realen Welt, sind gegenüber Varianten des Sexualverhaltens permissiver, stören sich weniger an sexueller Belästigung (Hansen & Hansen, 2000).  Vielseher von Talkshows überschätzen u.a. die Anzahl von Teenagern, die jährlich von zuhause weglaufen (Schätzung: 49 %, real: 8%), die Zahl von Mädchen, die vor dem 18. Lebensjahr schwanger werden (Schätzung: 55 %, real: 4 %) sowie die Zahl untreuer Ehemänner (Schätzung: 45 %, real: 20 %) und Ehefrauen (Schätzung: 31 %, real: 10 %; Davis & Mares, 1998).

Und sie entwickeln Bindungen zu ihren Heiligen, nehmen sie sich zum Vorbild. In der Zeitschrift PSYCHIATRY wurde schon 1956 ein Artikel über die sog. parasozialen Beziehungen publiziert (Horton & Wohl, 1956) . Damit ist gemeint, daß das Fernsehen den Eindruck erzeugt, der Zuschauer habe so etwas wie eine reale und dauerhafte soziale Beziehung zu der Person auf dem Bildschirm.  Die Regelmäßigkeit des Erscheinens, die Nähe der Wahrnehmung, scheinbares Anblicken oder Ansprechen („Guten Abend, meine Damen und Herren“) geben den Medienfiguren eine eigene Existenz, im persönlichen Soziogramm der Zuschauer werden sie zwischen guten Freunden und Nachbarn eingeordnet.

Solche Beziehungen entwickeln sich besonders zu Serienfiguren, die Zuschauer sprechen in Gedanken mit ihr, haben sie gern bei sich zuhause und empfinden sie als attraktiven Freund. Die parasozialen Bindungen gelten der Figur in der Serie und nicht dem jeweiligen Schauspieler, was gelegentlich zu aberwitzigen Verwechslungen führt:

• So wurde einer der Darsteller der Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ in einem Supermarkt von einem wildfremden Mann umarmt und mit den Worten getröstet: „Ich kann verstehen, was sie mitmachen!“ In der Serie – und nur dort - hatte die von dem Schauspieler dargestellte Figur gerade ein Kind verloren (Landbeck, 2002).
• Besonders schön ist das Beispiel einer Schauspielerin, die in einer Serie eine erfolgreiche Broadway-Schauspielerin spielte. Sie erhielt einen Zuschauerbrief mit der Frage: „Haben Sie je daran gedacht, auch im wirklichen Leben Schauspielerin zu werden?“ (Fowles, 1992).

Und natürlich beeinflussen parasoziale Beziehungen zu Medienfreunden das Erleben und Verhalten, so wie sie wollen vor allem die Heranwachsenden sein. Auch dafür zwei Beispiele:

• Inhaltsanalytische Untersuchungen zeigen, daß die amerikanischen Schaupsielerinnen seit 1960 immer dünner und ihre Hüften immer schmaler wurden (Signorelli, 1995). Inzwischen erfüllen über 60 % dieser jungen Frauen eines der Kriterien für eine Anorexie: Sie haben ein um 15 % geringeres Körpergewicht als das nach Lebensalter und Größe durchschnittlich zu erwartende. Und entsprechend sind Vielseherinnen mit ihrer eigenen Figur weniger zufrieden als Vergleichsgruppen (Wartella, Scantlin, Kotler, Huston & Donnerstein, 2000). Sie finden ihren Busen zu klein, ihre Hüften zu breit oder sich generell zu dick. Folglich mühen sie sich um eine Reduktion ihres Körpergewichts und leiden häufiger unter Anorexie oder Bulimie (Hofschire & Greenberg, 2002).
• Zum Thema Rauchen gibt es Studien, nach denen Heranwachsende um so eher damit anfangen, je mehr Filme mit rauchenden Stars sie gesehen haben (Dalton, Sargent, Beach, Titus-Ernstoff, Gibson, Ahrens, Tickle & Heatherton, 2003). Und sie sehen sie oft genug: In einem Viertel aller fiktionalen Programme der Hauptsendezeit wird geraucht – und zwar in mehr als 90 % der Fälle von den positiven Figuren (Basil, 1997). Raucher waren männlicher, romantischer und erotisch aktiver als Nichtraucher, so wollen die Zuschauer auch sein (McIntosh, Bazzini, Smith & Wayne, 1998).

Das bißchen Unzufriedenheit mit der eigenen Figur, die paar Zigaretten – ist das wirklich so gravierend? Für sich genommen möglicherweise nicht, aber es bleibt nicht dabei. Bedrückender ist, daß die Medienfreunde insgesamt zu einer heimlichen Sozialisationsinstanz geworden sind, die Eltern, Geschwister oder Lehrer als Vorbilder abgelöst haben. Auch dafür zwei Studien:

• In den SHELL-Jugendstudien findet sich, daß zunehmend Schauspieler, Sportler oder Musiker als Vorbilder genommen werden. Stammten 1955 nur rund 25 % der Vorbilder aus dem Fernbereich, so stieg diese Zahl 1996 auf rund 66 %! Bei den 12- bis 14jährigen sind es sogar schon 75 %. Auch hier zeigt sich: Wer viel fernsieht und wer ein unsicheres Selbstbild hat, wählt eher mediale Vorbilder (Fritzsche, 2000, S. 215ff.).
• Bei einer anderen Umfrage mit 8.000 Kindern und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen wurden von den Jungen zuerst Sportler wie der Fußballspieler Michael Ballack (34 % ), dann die eigenen Väter (= 23 %), schließlich Sänger (16 %), Schauspieler (10%) und Bandmusiker (10%) als Vorbilder genannt. Insgesamt 70 % der Vorbilder der Jungen sind also Medienfiguren! Bei den Mädchen kommt immerhin noch zuerst die eigene Mutter (27 %), dann aber sogleich Sängerinnen (16%) wie Britney Spears und Schauspielerinnen (7%; vgl. Zinnecker, Behnken, Maschke & Stecher, 2002).

So tut die unsichtbare Religion Fernsehen das, was Religionen immer tun: Halt bieten. Wenn die erlebte soziale Welt aus den Fugen geht, die Eltern, die Verwandten oder die Lehrer nicht mehr als Vorbilder taugen, dann bieten sich die Medienfiguren als parasozialer Ersatz an. Irritierte und ängstliche junge Menschen kompensieren ihr Defizit an stabilen Bindungen durch intensive parasoziale Bindungen (vgl. McCutcheon et al., 2004). Sein wollen wie die Medienvorbilder heißt konkret, deren Art zu Fühlen, zu  Denken, sich zu Verhalten zu kopieren. So entsteht bei uns der moderne Sozialcharakter, wir brauchen dazu keine Leni-Riefenstahl-Filme mehr. Wir haben eine viel wirksamere, weil unsichtbare Religion, die Tag für Tag  fünf Schulstunden lang den Histrio erzieht, ihn präpariert für effizientes Eindrucksmagament in der postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft.


5. „Richtigere Begriffe, geläuterte Grundsätze, reinere Gefühle“- Filmemachen heute

Trübe Aussichten: Ein politisch desinteressierter, gesellschaftlich nicht engagierter, psychisch labiler, egoistischer, vor allem mit seiner Inszenierung beschäftigter und an Events interessierter Single als Bürger der Zukunft.. Das kann einer Gesellschaft nicht gut tun, ihre Wir-Ich-Balance (Elias, 1987) geht aus den Fugen. Kann man das überhaupt noch aufhalten?

Die Antwort lautet schlicht: Ja.  Wenn die Ursachen bekannt sind, liegt die Abhilfe auf der Hand.

Zum ersten heißt dies: Bindungssicherheit herstellen, wo immer es geht.

Da beginnt bei der Kindererziehung: In den USA verbringen Erwachsene durchschnittlich 72 Minuten täglich im Auto, weniger als die Hälfte der Zeit beschäftigen sie sich mit ihren Kindern (Putnam, 2000). Das ist gewiß kein gutes Verhältnis, es läßt sich ganz sicher – z. B. auf Kosten des TV-Konsums – zugunsten der Kinder verbessern. Mehr elterliche Zuwendung verschafft dem Kind das Gefühl sicherer Bindungen und ein stabiles Selbstkonzept. Dann benötigt es auch keine histrionischen Inszenierungen, um die Zuwendung der Eltern wenigstens kurzfristig  zu erzwingen. Und die Wahrscheinlichkeit nimmt zu, daß es später eine zufriedenstellende Ehe führen wird.

Familiäre Bindungen allein sind für Kinder wie für Erwachsene aber nicht ausreichend, sie müssen durch nachbarschaftliche Beziehungen und durch das soziale Engagement  am Wohnort ergänzt werden. Schließlich leben Kinder wie Erwachsene immer auch in einer historischen und kulturellen Umwelt, deren Kenntnis zum Entstehen einer lokalen, regionalen und auch nationalen Identität beiträgt. Wenn ein Mensch einen Ort, eine Region, eine Nation als Heimat empfindet, hat er Bindungen entwickelt.

Bindungssicherheit im politischen Bereich beginnt damit, die für alle Beteiligten gefährlichen Idealisierungen von Politikern abzubauen. Politiker sind keine Heiligen- oder Vaterfiguren, sondern Interessenvertreter für spezifische Gruppen der Gesellschaft. Deren Anliegen sollen sie artikulieren und durchsetzen. Entsprechend dürfen sie weder von den Medien noch von den Bürgern hofiert und idealisiert, stattdessen müssen sie motiviert und kontrolliert werden: Machen sie ihre Arbeit gut, beauftragt man sie wieder; tun sie es nicht, werden sie durch andere ersetzt. Ob sie gut aussehen, telegen sind oder Charisma haben, ob sie unterhaltsam, originell oder witzig sind, ob sie gar eine Talkshow leiten könnten, ist für diese Funktion ebenso unwichtig, wie ihre sexuellen Vorlieben und Eskapaden.

Bindungssicherheit stellt sich allerdings auch durch die konkrete Erfahrung der Mitgestaltung unserer Gesellschaft ein. Menschen, die sich am gesellschaftlichen Leben beteiligen, bedrückt nicht das Gefühl, wenig oder keinen Einfluß auf die ökonomischen, politischen und sozialen Faktoren zu haben, die ihr tägliches Leben beeinflussen. Bindungssicherheit im politischen Bereich herzustellen, heißt auch, sich den prägenden Einflüssen des Fernsehens hinsichtlich der Darstellung von Politik und Politikern zu entziehen. Im Fernsehen lernt man nicht, sich gesellschaftlich und politisch zu engagieren.

Zum zweiten stellt sich (hier) die Frage: Wie gehen wir angemessen mit dem wichtigsten  „heimlichen Erzieher“ unserer Gesellschaft, dem Fernsehen, um?

Keine Bange, ich komme Ihnen nicht mit der Forderung nach mehr Medienkompetenz, darüber habe ich mich selbst oft genug in medienpolitischen Diskussionen geärgert. Es wäre zwar nicht verkehrt, denn wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, daß medienkompetente Kinder und Jugendliche u.a.

• reale und fiktive Informationen leichter unterscheiden,
• Werbung kritischer beurteilen
• und mediale Aggressionen besser einordnen können.

Aber Fehlentwicklungen im Medienbereich allein durch die Vermittlung von Medienkompetenz an die Zuschauer korrigieren zu wollen, kommt mir so vor, als würde man den Bürgern in Stadtvierteln mit hoher Kriminalität Selbstverteidigungskurse anbieten.

Nein, die Verantwortung für Form und Inhalt des Gezeigten liegt schon bei Ihnen, meine Damen und Herren. Filmemachen ist kein individuelles Hobby, es ist eine Tätigkeit mit einer hohen gesellschaftlichen Relevanz und es ist kulturelle Tätigkeit.  Konkret heißt das: Wenn ich weiß, was ein schlechtes Medienprodukt ist, dann habe ich grundsätzlich auch die Erkenntnisse, mit denen ich gute Filme produzieren kann.

Einige Beispiele - zuerst die Gewaltfrage. Wir wissen in der Medienpsychologie inzwischen, welche Darstellung den stärksten Einfluß auf aggressives Verhalten des Zuschauers hat: Es sind realistische oder gerechtfertigt erscheinende Gewaltdarstellungen von sympathischen Protagonisten, die damit erfolgreich sind und nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Oder die Sexualität: Menschen, die sich häufiger erotische Filme ansehen, sind mit ihren realen Partner unzufriedener. Und die Darstellung sexueller Gewalt macht männliche Zuschauer toleranter gegenüber realer sexueller Gewalt (Weaver, 1991). Schließlich Nachrichten: Einfache Texte, „cause and effects-„ Bilder, „heads“ und Zusammenfassungen sowie ein moderates Präsentationstempo verbessern die Behaltensleistung um bis zu 10 %.

Alle Beispiele zusammen führen wieder zum Sozialcharakter. Sie werden seine zukünftigen Lehrer und Erzieher sein. So, wie es Leni Riefenstahl für die Deutschen in den 30er Jahren war. Die damit verbundenen Gefahren habe ich Ihnen skizziert. Es muß nicht so kommen, denn vielleicht machen Sie ja bessere Filme. Die wären dann nicht oberflächlich, theatralisch, wenig differenziert. Die würden sich nicht nur für das Lebhafte, emotional Aufgeladene und Provozierende interessieren, alle Aktivitäten sexualisieren und nicht auf Teufel komm raus  personalisieren  und emotionalisieren. Träumen wir also wenigstens am Anfang Ihrer Ausbildung von Filmen, die ästhetisch anspruchsvoll erzählen, intelligent unterhalten sowie Verstand und Gefühl der Zuschauer bilden.

Damit wären wir auch nicht mehr weit von Friedrich Schiller entfernt, da ja hier in Ludwigsburg - zunächst in der Hinteren Schloßgasse 26, dann in der Stuttgarter Straße - sieben Jahre gewohnt hat. Das wichtigste Medium seiner Zeit war das Theater. Dessen Aufgaben hat er in seiner Rede „Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet“ beschrieben, aus ihr stammt der Titel meines Vortrags. Mit einem Zitat daraus will ich Sie ein wenig auf Ihren großen Vorgänger verpflichten und endlich auch aufhören:

„Die Schaubühne ist der gemeinschaftliche Canal, in welchen von dem denkenden, bessern Theile des Volks das Licht der Weisheit herunter strömt, und von da aus in mildern Strahlen durch den ganzen Staat sich verbreitet. Richtigere Begriffe, geläuterte Grundsätze, reinere Gefühle fließen von hier durch alle Adern des Volks; der Nebel der Barbarei, des finsteren Aberglaubens verschwindet, die Nacht weicht dem siegenden Licht“ (Schiller, 1844, S.464).