Filme über Miteinander, Gaunereien und sinnliche Freuden
Die Filmakademie Baden-Württemberg freut sich über fünf Nominierungen bei den diesjährigen FIRST STEPS Awards. Die Preisverleihung findet am 5. Oktober 2026 im Stage Theater des Westens in Berlin statt. Jede Nominierung ist bereits mit einem Preisgeld von 1.000 Euro dotiert und würdigt die kreative Arbeit des Filmnachwuchses aus deutschsprachigen Ländern.
Zu den von den Fachjurys ausgewählten Projekten gehört der 80-Minüter NICHTS BLEIBT UND NICHTS VERSCHWINDET (Regie: Paul Sonntag), der in der Kategorie Dokumentarfilm nominiert ist. Er erzählt von einem kleinen Supermarkt in Berlin, der 2022 nach 41 Jahren einem mehrgeschossigen Wohnhaus Platz machen muss. Der Film begleitet Mitarbeiter*innen und Anwohner*innen in den Monaten vor und nach der Schließung und untersucht, wie sich die Nachbarschaft dadurch verändert. Die Jury urteilt: „NICHTS BLEIBT UND NICHTS VERSCHWINDET macht aus einem alltäglichen Schauplatz einen Mikrokosmos gesellschaftlicher Veränderung. Mit großer Geduld erschließt sich der Film seinem Publikum erst nach und nach und entwickelt dabei eine außergewöhnliche erzählerische Tiefe. (…) Ein bemerkenswert klug komponierter, präziser Dokumentarfilm von unglaublicher Weitsicht.“
Im Wettbewerb um den NO FEAR Bernd Eichinger Award für junge Produzentinnen und Produzenten sind Tristan Schneider und Julius Wieler mit dem Diplomfilm PARADEISA, der in dieser Woche seine Weltpremiere beim Internationalen Filmfestival Locarno feierte. PARADEISA (Regie: Marleen Valien) erzählt die Geschichte von Lou, die ihrem mittellosen Künstlervater dabei hilft, seinen eigenen Tod vorzutäuschen, um den Wert seiner Werke zu steigern. Doch als die Lüge immer größere Ausmaße annimmt, wird ihr klar, dass Loslassen vielleicht der einzige Weg nach vorne ist. „PARADEISA ist eine Produktion, die inhaltlich und formal ein Wagnis eingeht. Die autobiografische Nähe zum Stoff stellte dabei in vielerlei Hinsicht eine besondere Herausforderung dar. Die Produzenten überzeugten insbesondere durch ihren verantwortungsvollen Umgang mit den Kreativen und den realen Vorbildern. (…) Eine Produktion, die künstlerisches Risiko nicht nur ermöglicht, sondern aktiv mitträgt,“ lobt die Jury.
Gleich drei Kurzfilme, alle entstanden am Animationsinstitut der FABW, dürfen sich in der Kategorie Short Steps Hoffnungen auf einen First Steps Award machen:
Der Animationsfilm SENSUAL (Regie: Tanja Nuijten) zeigt das Gefühl von Körpernähe und Zärtlichkeit beim sexuellen Vorspiel Nacktschnecken, die um eine Lippe kriechen, eine Raubkatze, die ganz fest einen Frauenkörper umklammert und Flamingos, die sachte die Beine streicheln. Dabei repräsentieren die Tiere die Berührungen des Partners. Durch eine Aneinanderreihung visueller und abstrakter Metaphern werden die verschiedenen Gefühle im Körper lebendig. „Tierische Metaphern, feinste Bewegungen und eine außergewöhnliche Klanggestaltung verschmelzen zu einem filmischen Erlebnis, das Berührung beinahe körperlich erfahrbar macht. Gerade in der Beobachtung kleinster Details entfaltet der Film seine größte Wirkung und zeigt, welche erzählerischen Möglichkeiten Animation jenseits realistischer Abbildung eröffnet,“ befand die Jury.
SEND NUDES (Regie: David Sick) wurde in diesem Jahr bereits für die Student Academy Awards nominiert. Er erzählt die Geschichte zweier junger Liebender in einer Fernbeziehung am Ende des 16. Jahrhunderts. Da ihre Eltern ihnen keine Treffen erlauben, tauschen sie ihre Fantasien per Brieftaube aus. „Mit feinem Gespür für Timing und Situationskomik verbindet der Film eine historische Welt und moderne Kommunikationsformen zu einer Geschichte, die von der ersten bis zur letzten Minute trägt. Die hochwertige 3D-Animation und das klug gebaute Drehbuch ergänzen sich dabei zu einem rundum stimmigen Ganzen. Ein ebenso witziger wie handwerklich beeindruckender Animationsfilm von besonderer Qualität,“ lautete das Uteil der Jury.
QAMAJAI (Regie: Yerkezhan Sabitbekova*): Eine Frau liegt auf dem Boden, Ihre Freundinnen trösten sie und verarbeiten das traumatische Erlebnis in einem Tanz. Die Konfrontation mit dem Peiniger entlarvt diesen schließlich als kleinen, erbärmlichen Mann. Die Jury zeigte sich beeindruckt: „QAMAJAI findet eine Bildsprache für etwas, das sich kaum in Worte fassen lässt. Mit beeindruckender Klarheit erzählt der Film von Gewalt, Trauma und der Kraft kollektiver Solidarität, ohne dabei auf plakative Bilder oder einfache Antworten zurückzugreifen. (…) Stilistisch eigenständig, emotional präzise und universell verständlich gelingt Yerkezhan Sabitbekova eine filmische Miniatur von bemerkenswerter Kraft.“
* Yerkezhan Sabitbekova ist Stipendiat*in der Baden-Württemberg Stiftung und hat im Rahmen ihres Studiums an einem internationalen Partnerprogramm teilgenommen.