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Welche Bilder braucht die Welt?

Als ich vor Jahren im Unterricht mit den Studierenden anhand einer selbst gedrehten Szene aus meinem Film „Eiserne Engel“ über Grenzerfahrungen bei der dokumentarischen Arbeit diskutieren wollte, überfiel mich einer der Diskutanten mit der Frage „Welche Bilder braucht die Welt?“ Barsch fügte er hinzu: „Diese ganz bestimmt nicht!“ Die Szene des Films zeigt wie ein älterer Mann trotz Reanimationsversuche eines Notarztes stirbt. Drei Wochen begleitete ich die Mannschaft eines Rettungshubschraubers und wollte die Erfahrungen sehr schwieriger Dreharbeiten an die Studierenden weitergeben. In einer Welt voller medialer Reizüberflutungen stand die Frage im Raum wie wir erzählerisch und bildästhetisch mit solchen (Alltags-) Situationen in unserer Gesellschaft umgehen können oder umzugehen haben. Die sehr aggressiv und ablehnend vorgetragene Frage hat sich mir tief eingebrannt. Erweitert hätte sie auch lauten können: Welche Geschichten braucht die Welt?

Schon damals war mir klar, dass wir von den Studierenden mindestens so viel lernen können wie sie von uns Dozenten. Man muss ihnen nur zuhören und ihre Fragen nachwirken lassen. Die Verunsicherung, welche die eingangs erwähnte Frage in mir erzeugt hat, wirkt bis heute nach und ermahnt mich zu zweierlei. Nämlich zum einen das eigene (filmische) Tun immer wieder aufs Neue zu hinterfragen und zum anderen nie müde zu werden, sich mit den Studierenden inhaltlich auseinanderzusetzen. Denn nur im Dialog profitieren beide Seiten von der immensen Anstrengung, eine Filmausbildung gemeinsam zu durchleben.

Filmausbildung ist nach unserem Verständnis hier in Ludwigsburg in erster Linie eine dialogische Erfahrungsvermittlung. Sicher, ein Basiswissen und auch ein Basishandwerk werden benötigt, darauf muss bestanden werden, aber entscheidend ist und bleibt das „learning by doing“. Das haben die Gründerväter der Filmakademie Baden-Württemberg richtig erkannt. Genauso, dass es wichtig ist, dafür die besten Praktiker der Film- und Medienbranche als Lehrende nach Ludwigsburg zu holen. Praktischer Unterricht entlang von Filmprojekten; Development im Team; absolute Gleichstellung und Gleichbehandlung der unterschiedlichen Genres und Gewerke; das Studieren zunächst in einem absolut geschützten Raum und später in einem geschützten (markt-)offenen Raum; individueller Unterricht mit genügend Zeit als kostbarstem Faktor, den das Filmemachen benötigt. Diese Topics sind für mich immer noch die unablässigen Säulen einer Erfolg versprechenden Ausbildung, die sich im Kern auf zwei Dinge zu konzentrieren hat: auf die erzählerische und handwerkliche Qualität der Geschichten, und auf die charakterliche Qualität der Menschen, die dafür stehen.

Nach über zwanzig Jahren als Dozent und gut elf Jahren als Direktor der Filmakademie, haben sich für mich grundlegende Thesen für eine Filmausbildung herauskristallisiert. So bin ich der festen Überzeugung, dass diese Ausbildung viel Freiheit für die Studierenden beinhalten muss, aber zugleich eben auch einen verbindlichen Rahmen, ohne den weder Freiheit noch Ausbildung funktionieren können. Weiterhin habe ich gelernt, dass „künstlerischer Film“ und „Mainstream“ kein zwangsläufiger Widerspruch, sondern im besten Falle eine ganz wunderbare Symbiose sind; dass die erste kreative Krise der Studierenden oft die wichtigste und lehrreichste ist, dass der so notwendige Lerneffekt für die Studierenden im langwierigen „Scheitern“ oft weitaus höher ist als im allzu schnellen „Gelingen“; dass zu schneller Erfolg oft bequem und müde macht; dass kreative Schöpfung immer vor industrieller Fertigung stehen muss; und dass der Weg zu einem (guten) Film nicht gerade sondern verschlungen und voller Überraschungen ist. In der absolut notwendigen Auseinandersetzung mit den Studierenden darüber müssen wir, die Dozenten und Mitarbeiter, ihnen gegenüber immer motivierend, fordernd und genau bleiben. Diese Auseinandersetzung muss analytisch geführt werden und darf nie geschmäcklerisch werden. Denn die Studierenden sollen und müssen am Ende ihre Filme machen und nicht "unsere".

Film braucht einen mobilen Geist und einen mindestens ebenso mobilen Körper. Er braucht eine verdammt gute Organisation und ein ausreichendes Budget. Aber trotzdem wird er immer ein Balancieren am Abgrund bleiben, die Lust an der permanenten Katastrophe und die ständige Aufforderung ihn und sich selbst täglich neu zu erfinden. Der Film und sein Markt sind in ständiger Bewegung, Entwicklung und Veränderung. Dafür müssen wir immer offen bleiben, darauf haben wir inhaltlich und strukturell zu achten, denn Stillstand wäre auch für diese Akademie der größte Verhinderer einer weiterhin erfolgreichen Zukunft. Keine einfache Aufgabe, weder für die Studierenden noch für die Dozenten und Mitarbeiter der Filmakademie, eher schon eine tägliche Überforderung. Aber sie lohnt sich. Das beweisen Jahr für Jahr die über 250 Filme, die in an der Filmakademie entstehen. Und wenn ich allein die Diplomfilme aus diesem aktuellen Jahr nehme, wenn ich erleben darf, wie unterschiedlich sie in ihren Geschichten und Stilen sind und dennoch alle überaus erfolgreich, künstlerisch und kommerziell, dann verstehe ich wieder, dass wir hier trotz aller kreativen Konflikte einer richtigen Anstrengung nachgehen. Denn Film ist definitiv ein sehr geeignetes und wichtiges Medium, gesellschaftsrelevante Themen in all ihren Schattierungen und all ihren Fragen hintergründig und gleichsam unterhaltsam einem großen Publikum zuzuführen.

In diesem Sinne will ich weiterhin von den Studierenden und ihren Filmarbeiten lernen. Und ich würde mir wünschen, dass der wunderbare, in Europa einmalige Ludwigsburger Akademiencampus mit seinen unbegrenzten kreativen Möglichkeiten dabei ein Ort bleibt, an dem sie sich wohl fühlen, an dem sie Spaß haben. Bleibt mutig, würde ich ihnen auch weiterhin gerne mit auf den Weg in ihr Studium hier in Ludwigsburg geben. Bleibt verspielt, offen, zeigt Gefühle, bildet Banden, stiftet kreative Unruhe, erforscht Leerflächen, macht Fehler, scheitert mit Lust, durchlebt Krisen, kommuniziert, hört euch gegenseitig zu, lernt Kritik zu ertragen, übernehmt Verantwortung, glaubt an Eure Träume, seid lernbereit und überrascht uns immer wieder aufs Neue mit euren Filmen. Es geht um den Erhalt von Utopien und gleichzeitig um die Befähigung zum Dialog, um Talentförderung entsprechend den individuellen Möglichkeiten jedes Einzelnen, um Persönlichkeitsfindung und Charakterfestigung. Es geht um die Förderung systemresistenter Persönlichkeiten, die ihre Träume nicht verlieren und im besten Sinne bereit sind, sich damit den Realitäten des Marktes zu stellen. Wer sonst sollte in dieser nachdenklich stimmenden Welt mitentscheiden, welche Bilder und Geschichten diese braucht und welche eben nicht?

(Thomas Schadt im Mai 2016)


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