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Am 9. Oktober 2019 starrten die meisten Menschen in Deutschland auf dasselbe Bild oder besser „Bewegtbild“. Es zeigte eine nahezu leere Straße und hinter einem parkenden Auto eine vermummte Gestalt, die ohne jede Hektik mehrmals mit einem Gewehr über das Autodach hinweg ins OFF schoss. Der Kommentar erklärte dazu, dass ein in Armeekleidung verpackter junger Mann mit rechtsextremem Hintergrund in Halle an der Saale die Synagoge stürmen wollte, dies nicht schaffte und daraufhin zwei völlig unbeteiligte Menschen tötete. Die beschriebene Bildaufnahme inklusive ihrer Kontextualisierung erzeugte, je nach Gemütslage des Publikums, höchst unterschiedliche Gefühle. Ängste wie: „Bin ich der nächste?“, „Warum ausgerechnet bei uns?“, oder „Gibt es eigentlich nur noch Verrückte?“. Sie löste Mitgefühl und Trauer für die Opfer aus. Oder Wut: „Wenn das Arschloch mir begegnet wäre, hätte ich ihn auf der Stelle abgeknallt“ – was natürlich voraussetzt, dass man selbst eine Waffe bei sich trägt. Vielleicht sogar Bewunderung: „Krass, geil, hau sie weg!“

Und da wir der Digitalisierung nicht nur die Originalaufnahme verdanken, sondern auch ihre permanente mediale Wiederholung, verfolgten uns unsere Gefühlswelten bis in den Schlaf und die kommenden Tage hinein. So lohnt die Frage, was dabei –  bewusst und unbewusst – mehr in uns hineinwirkte: das Bild, der Kontext, beides (und dann in welchem Verhältnis), oder die nicht enden wollende Redundanz auf allen Kanälen? Und zu fragen gilt auch, warum dieses zufällige Real-Bewegtbild in seiner amateurhaft diffusen, verwackelten und letztlich distanzierten Perspektive selbst stumm und ohne Kontext mehr Authentizität erzeugt als alle perfekt und aus der Nähe durchinszenierten und gespielten Tötungsvorgänge eines „TATORT“. Welcher Instinkt sagt uns eigentlich, das eine ist echt und das andere gespielt? Oder ist das gar keine ernstzunehmende Frage mehr? Darauf gibt es, so finde ich, wenige relevante Antworten. 

Die Enttabuisierung dieser Welt hat durch die Digitalisierung jedenfalls längst stattgefunden. Dieses Rad dreht niemand mehr zurück. Und der Gewinner dieser Digitalisierung heißt „Bewegtbild“. 

Ist ein Bewegtbild in der Welt, gibt es keine Möglichkeit, es ein für alle Mal und überall wieder verschwinden zu lassen. Ausgeschlossen. Das Zeug fliegt wie digitales Dope durch den virtuellen Raum und macht uns süchtig in der Versuchung, es immer und immer wieder anzusehen. Dabei gilt: je abstoßender, desto attraktiver. Denn wer will sich schon einen Sonnenuntergang ansehen, wenn gleich nebenan ein Killer live auf Menschen schießt. Selbst in unserer privaten Kommunikation haben Bewegtbilder bis hin zu Emojis mittlerweile mehr zu „sagen“ als das Wort. Und wir nutzen die manipulative Kraft von Bildern natürlich, um uns ganz ohne Worte zu gefallen. Wir nutzen sie aber auch, um andere fertig zu machen, zu bashen, zu mobben oder sie in einen kriminellen Hinterhalt zu locken. Die amerikanische Kulturkritikerin Susan Sontag hat schon vor 40 Jahren in ihren „Essays über Fotografie“ zurecht von einem „Kameragewehr“ gesprochen, das in der Lage ist, im weitesten Sinne einen anderen zu töten. Oder, etwas harmloser ausgedrückt, ihn seiner Seele zu berauben. Und das zu einer Zeit, in der es noch gar keine Digitalisierung gab. Heute besitzen wir alle ein Kameragewehr.

Was heißt das für die Ausbildung an einer Filmakademie?

Dazu fünf Gedanken:  

Erstens: Was ist die Geschichte?

Der klassische Begriff „Film“ stellt nur noch Bruchteile dessen dar, womit wir uns an einer Filmakademie beschäftigen sollten. Die Ränder sind mitunter spannender, wichtiger, wegweisender. Der Campus Ludwigsburg bietet hierfür ideale Voraussetzungen und wir sind aufgefordert, seine in ihm wohnenden Chancen viel konsequenter zu nutzen. Die Begriffe Film, Theater, Animation müssen genreoffen geweitet und neu verbunden werden. Sie müssen aus ihren traditionellen Nischen herausgeholt werden, ohne sie in ihrem traditionellen Wert zu schmälern. Dies bedeutet eine komplett neue Form der Vernetzung. Bei den kreativen Lernprozessen der Studierenden sollten nicht weiter die klassischen, wertenden Begriffspaare wie „Mainstream“ und „Arthouse“ oder „Kunst“ und „Unterhaltung“ im Vordergrund stehen, sondern allein die Frage: Ist eine Geschichte erzählenswert oder nicht? Und hat sie in der digitalen und gesellschaftlichen Wirklichkeit überhaupt eine realistische Überlebenschance? Relevanz, Originalität und Intensität könnten Kriterien sein, um diese Fragen zu beantworten.

Zweitens: Fragen ist wichtiger als antworten.

Die Lehrcurricula an einer Akademie müssen eine wohlüberlegte Mischung aus bewährten Erkenntnissen und unerforschtem Neuland abbilden. Das Bewährte an der Filmakademie wäre: Learning by doing, Unterricht entlang praktischer Projekte in kleinen Klassen. Unbedingt! Teamarbeit - ja bitte! Bildet Banden, sagen wir unseren Studierenden, damit ihr später überleben könnt. Ein Lehrkörper direkt aus der Praxis von Kunst, Forschung und Wirtschaft: Dazu gibt es keine Alternative. Niemand an der Filmakademie wünscht sich festangestellte Lehrende, die ohne praktischen Bezug zur beruflichen Realität Gefahr laufen, den Kontakt zur Außenwelt ihrer Akademie zu verlieren.

Und das Neuland? Das ist für uns beispielsweise „das dialogische Lehrprinzip“, das auf Zuhören beruht. Wir lernen ebenso viel von den Studierenden wie sie von uns, heißt unser Credo. Und die Fragen unserer Studierenden müssen wichtiger sein als unsere Antworten darauf – wenn wir überhaupt welche haben. Unsere Fragen an sie müssen im Gegenzug Raum und Zeit für die Studierenden schaffen, um über eigene, innere (und nicht äußere, womöglich von uns aufgezwungene oder „empfohlene“) Antworten nachdenken zu können. Dabei gilt es, die Themen, die die Studierendenschaft in immer neuen Wellen ins Haus trägt, unbedingt ernst zu nehmen, auch wenn sie vordergründig mit Film gar nichts zu tun haben. Diversität, Rassismus, Gendergerechtigkeit, Umgang mit Sprache, Klimaschutz und internationale Netzwerke, das sind die aktuellen Themen. Oft kommt erst danach die Frage: „Wie geht eigentlich ein Film?“ Und ist diese Frage gestellt, kommt die nächste: „Und wo da draußen ist eigentlich mein Platz, wenn ich dieses geschützte Haus verlasse?“ Das bedeutet, dass sich Lehrpläne einer ständigen prozesshaften Evaluierung zu unterwerfen haben, wollen sie am Nerv des Lebens bleiben und den Forderungen und Anforderungen der Studierenden gerecht werden. Dafür brauchen wir eine mit Offenheit, Neugierde und ausnahmslosem Respekt geführte Debattenkultur. Kreativer Diskurs braucht angstfreie Räume! Hierfür stehen alle auf dem Campus in der Verantwortung.

Drittens: Und die Märkte?

Da ist zunächst der lokale und nationale Markt, vorrangig das Fernsehen, und hier wiederum das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das nach wie vor potent ist, so potent, dass es die hiesige Entwicklung des Kinofilms gleich mit übernimmt. Für diesen Apparat, mit seinen logischen Zwängen einer nahezu durchgängigen Programmformatierung, zu arbeiten, ist für viele immer noch zu Recht eine lohnende Perspektive. Doch wer von uns weiß, wie lange dieser Markt noch stabil bleibt. Und da wir Studierende für Märkte auszubilden haben, die wir mitunter noch gar nicht kennen, wenn ihr Studium beginnt, die aber entstanden sein können, wenn sie fünf, sechs Jahre später mit einem Diplom das Haus wieder verlassen, dürfen wir uns damit alleine nicht zufriedengeben. Das wäre reaktiv und nicht das, was wir eigentlich sein sollen, nämlich visionär. 

Zukünftige ober bereits existierende neue Märkte und Medien kommen ins Spiel, in denen meist Englisch gesprochen wird, weil sie international angelegt sind. Für diese Arbeitsoptionen müssen wir natürlich auch ausbilden, mitunter in englischer Sprache. Ein bilinguales Curriculum wäre folgerichtig konsequent. Denn um in diesen Märkten konkurrenzfähig agieren zu können, muss man sich auf internationalem Parkett mit dessen eigenen Spielregeln bewegen können. Unsere Studierenden werden jedenfalls ohne ein selbst erlebtes und reflektiertes internationales Verständnis zukünftig weder künstlerisch noch industriell Aussicht auf nachhaltigen Erfolg haben. 

„Welche Bilder braucht die Welt?“ hat mich mal ein Student gefragt und meinte damit: „Welche Geschichten braucht die Welt?“ Wer glaubt, diese und andere brennenden Fragen analog, punktuell oder regional lösen zu können, oder wer glaubt, sich vor ihnen national oder gar regional abschotten zu können, ist nicht von dieser Welt.

Viertens: Grenzen

Vor zwei Jahren entstand im Studienbereich Dokumentarfilm LORD OF THE TOYS über die rechtslastige Influencer-Szene in Dresden. Der abendfüllende Film ist schwer auszuhalten und in seiner gnadenlosen Direktheit zutiefst verstörend, verletzend. Das Fernsehen hat den Film nicht ausgestrahlt, da Befürchtungen laut wurden, der Film könne in seiner unkommentierten Art bei einem Fernsehpublikum missverstanden werden. Womöglich ist das so und nach dieser Lesart wäre LORD OF THE TOYS somit ein nicht sendefähiger Film. Solche Filme brauchen wir, weil sie für Kommunikationsmöglichkeiten außerhalb des Fernsehens stehen. Die Macher des Films haben nach den Absagen einen eigenen Verleih gegründet und mit dem Film eine Kinotournee durch Deutschland organisiert. Er lief in ausverkauften Kinos, hat Preise gewonnen und eine deutschlandweite Debatte darüber ausgelöst, wie mit dem Thema in den Medien umzugehen sei. Im besten Falle, so lehrt das Beispiel, kann ein Film, auch der einer Filmhochschule, durch eine kreative Grenzüberschreitung eine enorme kommunikative Kraft erzeugen. Dass „DIE ZEIT“ mit LORD OF THE TOYS ihren Feuilleton-Jahresrückblick 2018 aufmachte, bestätigt dies. 

Damit ein Film überhaupt mit seinem Publikum kommunizieren kann, muss er eine „innere Einstellung“ mit Hilfe von Technik in „äußere Einstellungen“, also Bild und Ton übersetzen. Dabei darf es kein Dogma geben außer dem Streben nach Qualität. Geschmäcklerisches wie „schön“ und „hässlich“, politische Etikettierungen wie „links“ oder „rechts“, Gesellschaftsklischees wie „die da oben“ und „wir da unten“ oder einfach gestrickte Muster von „gut“ und „böse“ reichen hierfür nicht aus. So simpel ist unsere Welt nicht gestrickt. Zu hinterfragen gilt es vielmehr, was in der Wahl der erzählerischen Mittel für eine Geschichte „richtig“ oder „falsch“ ist, und richtig spannend wird es sowieso erst, wenn das Richtige auf einmal falsch ist und das Falsche richtig, das Hässliche nur noch schön ist und das Schöne hässlich, das Böse unser Held wird und das Gute einfach nur langweilig. Political Correctness und künstlerisches Schaffen stehen an ihren Grenzen nicht selten äußerst strittig zueinander. Gut so! Und unser Grundgesetz schützt diese Kollisionen, in dem es uns die freie Meinungsäußerung, die Freiheit der Kunst und die Freiheit der Lehre garantiert. Und das wiederum sollte garantieren, dass es für künstlerische Inhalte, für den damit verbundenen Diskurs und für die möglicherweise begleitende Lehre keinerlei Formen der Zensur geben darf. Weder von rechts oder links, weder von oben oder von unten, noch von weiblich, männlich oder divers.

Allerdings, und das ist der entscheidende Hinweis an dieser Stelle, steht im Grundgesetz auch der Satz: „Die Freiheit der Lehre entbindet sich nicht von der Treue zur Verfassung.“ Und deswegen finde ich es richtig, dass der Gründungsdirektor der DFFB in Berlin 1969 den sehr präzisen 16mm-Film eines damaligen Studenten zur Erstellung und Anwendung eines Molotowcocktails nach der ersten internen Präsentation im Giftschrank verschwinden ließ. Im Zeitalter der Digitalisierung wäre eine solche „Zensur“ nicht mehr möglich. Dennoch gilt, und darüber sollten wir nicht diskutieren müssen: „Kunstfreiheit“ ja, „Meinungsfreiheit“ ja,, „Schießfreiheit“ nein. Oder anders ausgedrückt: Auch Freiheit braucht Grenzen. 

Fünftens: Systemresistente Persönlichkeiten

Also was bilden wir im besten Falle aus? Personen, die ihr Handwerk exzellent beherrschen. Ja bitte! Aber noch wichtiger sind kluge Köpfe. Wir brauchen handlungsfähige, gebildete, in ihrem Tun reflektierte Persönlichkeiten. Das muss die Anstrengung sein, der wir uns in der Ausbildung zu stellen haben. Akademie heißt Diskurs, heißt Inhalt und seine intellektuelle und emotionale Durchdringung.

Systemresistente Persönlichkeiten sind bereit, für ihr Tun Verantwortung zu übernehmen. Sie können eine klare Haltung dazu entwickeln und diese auch artikulieren. Sie sind entscheidungsfreudig und gewillt, sich eine eigene Handschrift und Autorenschaft zu erarbeiten, einen filmgenetischen Fingerabdruck. Sie leben den Spagat zwischen den eigenen Utopien und den realen Möglichkeiten des Marktes und sind dafür bereit, jederzeit mit allen in einen streitbaren Dialog zu treten. Sie sind zukünftige Meinungsträger*innen oder inspirierende Multiplikator*innen. Deshalb sollten sie am Ende ihrer Ausbildung unter anderem folgende Fragen beantworten können: Was sehe ich? Was höre ich? Was fühle ich? Was macht das mit mir? Was ist möglich? Wie geht das? Was will ich? Was tue ich? 

Also liebe Studierende: Auf geht`s und das mit Lust! Seid mutig und frei von Angst auf eurem Weg durch das Studium hier in Ludwigsburg. Bleibt verspielt, offen, neugierig, zeigt Gefühle, bildet Banden, stiftet kreative Unruhe, kommuniziert, hört euch gegenseitig zu, stellt Fragen, bis wir sie nicht mehr hören wollen. Erforscht Leerflächen, macht Fehler, scheitert mit Lust, durchlebt Krisen, lernt, Kritik zu ertragen, seid lernbereit, zeigt Respekt, glaubt an euch, an eure Träume, habt Spaß (ganz wichtig), und überrascht uns bitte immer wieder auf´s Neue mit euren wunderbaren kreativen Arbeiten. Sie sind doch der entscheidende Faktor, wenn es gilt, sich der eingangs erwähnten Enttabuisierung unserer Gesellschaft zu stellen.

(Thomas Schadt im November 2019)


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